Τετάρτη, 20 Δεκεμβρίου 2017

Atatürks säkuläres Erbe zeigt sich widerstandsfähig. Türkische Mehrheit religionspolitisch nicht hinter Erdogan – Religionsfrieden zwischen Muslimen und Christen möglich




                                        

 
 

Von Heinz Gstrein

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan spielt sich gerade neuestens als Wortführer globaler islamischer Entrüstung über die amerikanische Anerkennung von Jerusalem als Israels Hauptstadt auf. Dennoch zeigt eine neueste Umfrage, dass nicht einmal in der Türkei eine Mehrheit der Bevölkerung hinter seinem massiven politislamischen Kurs steht.
Laut der Untersuchung, die von der angesehen türkischen MetroPOLL durchgeführt wurde, sprachen sich 70,6% der Befragten für einen Fortbestand des von Europäisierer Atatürk in den 1920e und 1930er Jahren begründeten Systems eines weltlichen und areligiösen, doch nicht antireligiösen Staates aus. Der Islam spielt in dieser Ordnung weiter eine wichtige Rolle, jedoch als Bestandteil der türkischen Nationalität und nicht als übernatürliche und übernationale religiöse Botschaft.

Nur 19,3% unterstützen eine Re-Islamisierung der Türkei im Sinn von Erdogan und seiner Partei für „Gerechtigkeit und Aufbruch“ (AKP). 67,1% halten eine Synthese von Säkularismus und Islamismus für möglich. In diese Richtung scheint sich auch Erdogan innenpolitisch – bei allem Hochspielen einer rein islamistischen Linie nach außen – mit seiner neuen Defacto-Devise „Atatürk und Islam“ zu bewegen.
Damit wendet er sich auch an die Anhänger der letzten noch ernst zu nehmenden Oppositionspartei CHP (Republikanische Volkspartei), die selbst auf Atatürk zurückgeht: In ihren Reihen halten 84,7% einen Ausgleich zwischen Atatürks europäisch-zivilisatorischem Erbe und einer Wiederentdeckung islamischer Werte, Kultur und Lebensformen der alten osmanischen Türkei für wünschenswert.

Eigentliche Anlass zu der noch vor Ausbruch der neuen Jerusalemkrise in Auftrag gegebenen Meinungsforschung waren die jüngsten Korruptionsvorwürfe gegen Erdogan und seine Familie in Millionenhöhe. Es geht dabei um Umgehungsgeschäfte aus den Jahren des westlichen Iran-Embargos. Bei ihnen wurden iranische Exporte, vor allem von Erdöl und seinen Produkten, gegen Zahlung in Gold über die Türkei abgewickelt. Dabei sollen Erdogans Schwiegersohn und andere Verwandte enorme Profite in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben. Die Affäre flog schon im Dezember 2013 auf und kostete damals Erdogans Wirtschaftsminister seinen Posten. Der Familien-Clan konnte sich noch reinwaschen.
Schon damals wurde in islamistischen Kreisen die Ansicht verbreitet, es habe sich um Beistand für die iranischen Glaubensbrüder und damit um ein Allah wohlgefälliges Werk gehandelt. Auch bei Profiten davon gehe es ich um „Gotteslohn“.

Als nun bei einem Prozess gegen einen Handlanger der Erdogans bei diesen Irangeschäften in den USA die ganze Affäre frisch hoch kam, stellten die türkischen Meinungsforscher gezielt die Frage nach der moralischen Zulässigkeit oder gar religiösen Verdienstlichkeit dieser Manipulationen.
Auf die Formulierung „Ist Korruption unter allen Umständen Diebstahl?“ wurde das von 58,4% der Türkinnen und Türken bejaht, während es immerhin 33,1% der Befragten nachdrücklich verneinten. Sogar 39,6% meinten, dass ein Urteil darüber nur nach islamischen Gesichtspunkten gefällt werden dürfe.
Eine weitere Frage betraf die Zunahme sich wieder als strikt islamisch durch Kopftücher oder Bärte manifestierender islamischer Gruppen in der lang, zumindest äußerlich und in den Städten, europäisierten türkischen Gesellschaft. 37,7% der Befragten fühlen sich durch diese islamistischen Manifestationszeichen beunruhigt, wenn nicht gar bedroht. 29,4% hingegen begrüßen die öffentlichen Zeichen von muslimischer Gesinnung und Lebensart.

In dieser Frage sind die Unterschiede zwischen den verschiedenen politisch-ideologischen Lagern der Türkei besonders groß: Nur 18% der AKP-Anhänger stoßen sich an Kopftuch, islamischer Barttracht und anderen Äußerlichkeiten, während das 63% der CHP-Gefolgschaft tun. Bei der Minderheitenpartei HDP, die größtenteils Kurden liberaler alevitischer Muslimtradition, aber auch Christen und Juden vertritt, belaufen sich die erklärten Kopftuchgegnerinnen und Gegner auf 50%.
Und sogar bei den mit Erdogan liierten radikalen Nationalisten von der MHP lehnen 37% eine Rückkehr des Islams ins öffentliche Erscheinungsbild ab. Das entspricht ziemlich genau jener MHP-Fraktion unter Führung der Politikerin Meral Aksener, welche die Gleichschaltung der Partei mit Erdogans AKP beenden will.

Schließlich sind 69,5% der Befragten überzeugt, dass Muslime und Christen sowohl in der Türkei wie weltweit friedlich zusammenleben sollen und können, während doch 24,6% der heutigen Türkinnen und Türken an einen gegenseitigen Vernichtungskampf zwischen Halbmond und Kreuz glauben.

 

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