Παρασκευή, 10 Νοεμβρίου 2017

Lasst Atatürk endlich sterben!










Von Heinz Gstrein

Novemberstimmung in Istanbul, dass es grauer gar nicht mehr geht. Daran sind nicht nur das sogar am Bosporus endlich fällige Regenwetter und ein Winternebel schuld, der zäh an der Stadt mit ihren vielen polypigen Meeresarmen klebt. Auch nicht die politische Vernebelung durch das Regime von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Hauptgrund für all die Betrübnis ist Atatürks Todestag. Er jährt sich an diesem 10. November zum 79. Mal.


Wie lebendig sein Andenken, ja eine allbeherrschende Präsenz bis heute tatsächlich geblieben sind, zeigt nicht zuletzt das alljährliche Ritual seine Sterbetages. Da wird nicht nur offiziell in Schulen, Amtstuben und Kasernen des „größten Türken aller Zeiten“ gedacht, da herrschen auch in den Teestuben und sogar am häuslichen Herd unter dem obligaten Atatürk-Bild niedergedrückte Stimmung und betretenes Schweigen. Nur zu seiner Todesstunde um 9.05 Uhr heulen wie weidwundes Wild die Sirenen auf.

Obwohl Mustafa Kemal Pascha, wie er ursprünglich hieß, bevor ihm der Ehrennahme „Vater der Türken“ (Atatürk) verliehen wurde, die Frauen von Harem und Schleier befreit hatte und auch sonst kein Verächter weiblicher Schönheit war, müssen an jedem 10. November die Bauchtänzerinnen pietätvoll pausieren und auch die Freudenhäuser an den Fernlaster-Transitrouten wie in den Hintergassen der Altstadt dicht machen. Kein Alkohol darf an Atatürks Sterbetag ausgeschenkt werden, wiewohl sich der „Oberste Lehrer der Nation“ im Herbst 1938 bald im Palast von Dolmabahce, bald auf seiner sturmfreien Bude im Nobelhotel „Pera Palace“ so ziemlich zu Tod gezecht haben dürfte.

Dennoch darf an Atatürks heroischem Führerimage noch immer nicht gekratzt werden. Dabei war er nicht nur ein Reformer und Europäisierer, sondern als Kind seiner auch in Mitteleuropa fanatisch-rassistischen Zeit ein Verfolger von Christen und Juden sowie ein notorischer Kurdenmörder. Strenggläubige Muslime ließ er gleich scharenweise aufknüpfen, weil sie Turban und Fez nicht mit Hut oder Kappe vertauschen wollten, da eine alttürkische Verwünschung lautet: „Allah setze dir einen Hut auf!“

Der türkischen Jugend wird Atatürk unhinterfragt weiter als Vorbild gepriesen. Gewiss war er kein Stalin oder Hitler, doch schlimmer als Mussolini oder Franco. Aber weiter stehen alle Büsten und Statuen, die ihm der itaiienische Faschistenbildhauer Pietro Canonica gemeißelt oder gegossen hat, noch immer wird das von ihm statt Istanbul zur Hauptstadt gemachte Ankara von den Bauten des Österreichers Clemens Holzmeister im Blut-und-Boden-Stil geprägt.
Dabei täte es Atatürk nur gut, wenn man ihn endlich sterben ließe! Bei allen Fehlern hat er es nicht nötig, seine wahren Leiestungen als ewige Leitbilder und Vorschriften für eine darin erstarrte Türkei einzementieren zu lassen. So war z.B. der Antisemit Kemal Pascha von den Pogromen der 1930er Jahre im europäischen Teil der Türkei gleichzeitig jener, der deutsche und österreichische sowie rumänische Juden aufnahm und sie damit letztlich vor Auschwitz gerettet hat. Wie bei jedem wirklich großen Meinschen sind auch bei Atatürk Licht und Schatten untrennbar miteinander verwoben. Sein Licht wird aber erst dann wirklich leuchten, wenn endlich Schluss mit seiner lächerlichen Mumifizierung und Beweihräucherung ist!


Δεν υπάρχουν σχόλια:

Δημοσίευση σχολίου