Τετάρτη, 1 Νοεμβρίου 2017

Derbe Istanbuler Sprichwörter: Ob Neunaug Muschis oder Fliegenärsche








   Von Heinz Gstrein


Wenn sich in engen Karaköy-Gassen von einem Balkon zu dem gegenüber hoch übers Kopfsteinpflaster gespannte Wäscheleinen entlang keifende Frauen mit Schimpfworten bewerfen und auch kleine Mädchen kreischend mitlästern, bekommen sie gern als Verweis zu hören: „Sobald die Fliege einen Arsch erhält, scheißt sie schon auf die ganze Welt“. Das Sprichwort vom Fliegenarsch, dem sinek kici, gilt naseweisem Aufbegehren überall dort, wo mehr Zurückhaltung am Platz wäre. Wenn Istanbuls Volksmund hingegen reimt „Wächst dem Neunaug (Fisch) eine Muschi, glaubt es schon die wäre wuschi“, nimmt er damit jede Selbstgefälligkeit aufs Korn.


So derbe Sprichwörter mit sexueller Note sind in der 15-Millionen-Stadt multikulturelles Gemeingut. Sie finden sich auf Neugriechisch oder Armenisch, im judenspanischen Ladino, dem Balkanromanischen von Istanbuls Vlachen wie auf Maltesisch und Bulgarisch. Das Türkische spielt dabei die Vermittlerrolle. Direkt von einer Minderheitensprache in die andere sind die oft köstlichen Bonmots zwischen Stambuler Griechen und Armeniern unterwegs, da letztere fast immer auch des Griechischen mächtig sind. Ihren Ursprung dürften der „Fliegenarsch“ und andere Vulgaritäten jedoch beim heute am Bosporus ausgestorbenen Italienisch der Genuesen haben. Diese sind wie die Neapolitaner für ihre kräftige Ausdrucksweise bekannt.

Die Adelsrepublik Genua herrschte seit den Kreuzzügen und noch über die Eroberung des übrigen Konstantinopel durch Sultan Mehmet II. 1453 hinaus im Hafenviertel Karaköy, das damals Galata hieß. Noch länger auf der Ägäis-Insel Chios. Als auch diese an die Türken fiel, begann kontinuierlich Zuwanderung nach Istanbul, die auch mit dem griechischen Freiheitskampf von 1821 nicht zum Erliegen kam: Wie es Oberschlesiens Polen bei allem Separatismus weiter nach Berlin  und Altösterreichs Tschechen trotz ihres Aufbegehrens im Völkerkerker der Donaumonarchie ins glänzende Wien der Habsburger zog, hielt auch die Zuwanderung von Griechen nach Istanbul bis in den Zweiten Weltkrieg hinein an. Die „Chioten“ verfügten in Karaköy sogar über eine eigene Kirche, den Hagios Ioannis, bis die ihnen 1964 von der türkischen Obrigkeit weggenommen wurde.

Zwei Jahre später verstarb hoch in ihren Achtzigern die vorläufig letzte Schöpferin neuer Istanbuler Sprichwörter Marika Xyda aus Chios. Jetzt ist in Karaköy Enkelin dabei, die Reime der Großmutter zu sammeln und aufzuzeichnen. Von „Langsam schmecken auch die bittern Trauben süß“ bis zu „Getrocknete Scheiße klebt an keiner Wand“, womit gesagt sein will, dass die Zeit alle Wunden heilt.

Dieser Beitrag stammt von der Rubrik „Brief aus Konstantinopel – Türkei nah und fern“. Er erscheint seit 2006 monatlich in der Tageszeitung Main Echo/Aschaffenburg.


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