Δευτέρα, 23 Οκτωβρίου 2017

Türken, Türken über alles. Radikaler Nationalismus in Ankaras Schulbüchern









Von Heinz Gstrein

Die Person und die Gedankenwelt von Kemal Atatürk (1881–1938), dessen Todestag sich am 10. November zum 79. Mal jährt, sind auch für die türkische Jugend von heute unaufgegebene Leitbilder. Jedem Schulbuch werden das Bild des Vaters der modernen Türkei und Ermahnungen aus seinem Mund vorangestellt. In den Geschichtsbüchern für die Abschlussklassen der Grundschulen lautet dieses obligate Atatürk-Zitat: „Geschichte zu schreiben ist genau so bedeutend wie Geschichte zu machen. Wenn der Geschichtsschreiber den Tatsachen nicht getreu bleibt, rächt sich die unveränderliche Realität in einer Weise, welche die Menschheit überraschen wird.“


Es handelt sich dabei um ein Schulbuch, das vollständig dem Leben, Wirken und Denken von Kemal Atatürk gewidmet ist. Hier findet sich auch noch ein letzter Hinweis auf seine heute sonst in den Hintergrund getretene Lieblingsidee von einem indogermanischen türkischen Urvolk in Kleinasien. Dort soll sich auch die Wiege Europas befunden haben, das nach Atatürks „Geschichtsthese“ erst von diesen Prototürken bis in die Alpen hinein besiedelt worden sei. Auf Seite 55 des Lehrbuches wird in diesem Zusammenhang eine schon 1923 gemachte Voraussage für die – dann 1938 verwirklichte – Rückgewinnung des Gebietes um Alexandrette von der französischen Mandatsherrschaft zitiert: 

„Kein Teil vom viertausendjährigen türkischen Vaterland kann in fremder Hand bleiben. Der Tag wird kommen, der auch euch befreit.“

Minderheiten ohne Rechte

Den bis heute in Istanbul, wenn auch unter schwierigen Bedingungen fortbestehenden und immer wieder angefeindeten christlichen Institutionen des griechisch-orthodoxen und armenischen Patriarchats wird (S. 37– 41) der Vorwurf gemacht, nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg auf den völligen Kollaps der verbliebenen Rest-Türkei hingearbeitet zu haben. Zu diesem Zweck sei am griechisch dominierten Ökumenischen Patriarchat der Geheimbund „Mavri Moira“ (Schwarzes Schicksal) gegründet worden.

Der armenische Patriarch habe sich hingegen am separatistischen Versuch der Schwarzmeer-Griechen beteiligt, einen unabhängigen Küstenstaat „Pontus“ von Samsun bis Batum zu errichten.  

Als Antwort auf diese Umtriebe werden die ausgesprochen minderheitsfeindlichen Beschlüsse des türkischen Nationalistenkongresses in Erzerum am 23. Juli 1919 angeführt. (S. 67f.) Angesichts von Bestrebungen der Siegermächte, in der Nordosttürkei einen armenischen Staat zu etablieren, hatte er erklärt: „Die Geschichte wird diesen unseren Kongress, so unscheinbar er noch ist, als ein Denkmal verzeichnen...Eine historische Nation gibt ihre Existenz und ihre Rechte niemals auf. Wir werden keine Entscheidung akzeptieren, die sich gegen unser Volk richtet.“

Als wichtigste Beschlüsse von Sivas führt das Schulbuch neben einem Bekenntnis zur Unteilbarkeit des Vaterlandes, neben der Organisation eines türkischen Volksaufstandes gegen die alliierte Besatzung und die Reste osmanischer Obrigkeit sowie der Schaffung eines ständigen Nationalkongresses besonders an: „Die christlichen Elemente (Minderheiten), die unserer politischen Souveränität und gesellschaftlichem Gleichgewicht im Weg sind, können keinerlei Rechte beanspruchen.“

Der angekündigte Nationalkongress trat am 4. September 1919 in Sivas zusammen und fasste eine Reihe zunächst geheimer Beschlüsse (S. 68-70). Diese wurden von Atatürk am 22. Oktober 1919 aus Amasya gezielt an die Adresse der ausländischen Mächte verkündet (S. 70f.). So proklamierte er einen unabhängigen türkischen Zentralstaat. Einer von dessen Grundsätzen lautete: „Nichtislamische Gruppen sind Störenfriede für Staat und Gesellschaft. Sie gehen aller Rechte verlustig“.    

Zeichen der Reform

Bei diesem Schulbuch des Atatürkismus handelt es sich um die gefährlichste nationalistische und christenfeindliche Indoktrination, die türkischen Schülerinnen und Schülern noch immer zugemutet wird. Andere Lehrmittel zeichnen sich inzwischen durch einen ganz anderen Geist aus. So die Sozialkunde für die sechste Schulstufe. Dort heisst es im Abschnitt über die Demokratie (Seite 17f.): „Die Achtung vor den Meinungen und der Überzeugung von Andersdenkenden ist ein Grundmerkmal demkokratischer Gesinnung.“

Recht national und pantürkistisch geht es dann wieder in der Sozialkunde für die siebte Grundschulklasse zu. Im Kapitel „Türkische Welt“ (177–199) wird ein zusammenhängender Lebensraum aller Turkvölker von Bosnien bis Alaska konstruiert, beschwören die Verfasser nationale Einheit zwischen der Türkei und all diesen „Volkstürken“, zu denen auch die Tschetschenen im Kaukasus, die Krim- und Wolga-Tataren sowie die ostsibirischen Jakuten gezählt werden.

Ausgesprochen positiv ist hingegen die Art und Weise, wie dasselbe Buch den Europarat und die EU den 13–14jährigen Schülerinnen und Schülern in der Türkei vorgestellt. Beim Europarat wird ausdrücklich auf dessen menschenrechtliche

Bedeutung hingewiesen (S. 209), hinsichtlich der EU eingestanden, dass eine türkische Mitgliedschaft „noch vieler Analysen und ernsthafter Vorarbeiten bedarf“ (S. 210).

In den neuen Geschichtsbüchern für das Lyzeum, wie sich in der Türkei das Oberstufen-Gymnasium nennt, wird dieser Gesinnungswandel noch deutlicher. Das Geschichtsbuch I geht auf Atatürks Geschichtsthese von den Prototürken in Kleinasien überhaupt nicht mehr ein, nimmt auch die Hettiter nicht länger als solche in Anspruch (S. 24f.). Zwar ist dann von einem eigenen ionischen Volk ohne Zusammenhang mit dem Griechentum die Rede, doch werden auch die Ionier nicht als Vorfahren der Türken in Anspruch genommen. Die türkische Urheimat (Ana Yurt) liegt in Zentralasien, in die heutige Türkei sind sie erst im 11. Jahrhundert mit den Seldschuken gekommen (S. 38f.). Der islamischen Geschichte, die früher völlig vernachlässigt wurde, wird erstmals breiter Raum eingeräumt: 38 der 193 Seiten des Lehrbuches sind ihr gewidmet.

Armenier nur einmal erwähnt

Umso weniger ist im politischen Teil von Geschichte II von den türkischen Armeniern die Rede. Ihre Vernichtung wird nicht einmal als „militärische Maßnahme“ im Abschnitt über die Kaukasus-Front im Ersten Weltkrieg (S. 81) erwähnt. Sie scheinen lediglich in einer Religionsstatistik des Jahres 1914 auf (S. 148). Ihr Zahl wird mit 1,161.169 angegeben. Das muss aber sicher höher angesetzt werden: So scheinen auch die bestimmt schon damals viel stärkeren Maroniten und Chaldäer 47.406 bzw. gar nur 13.211 Gläubigen auf.

Sachlich korrekt und überraschend ausführlich ist das Kapitel über die osmanischen „Religionsvölker“ (Millet-System) und die daraus resultierende Pax Ottomana zwischen Muslimen, Christen und Juden (127–131). Dabei wird zwar die Emigration der syrischen Christen aus der Südosttürkei zwischen 1980 und 1990 als Folge von „Terrorismus“ (gemeint ist der Kurdenkonflikt) und wirtschaftlicher Notlage erwähnt, aber kein Wort über den Zusammenbruch dieses traditionellen Religionsfriedens unter dem islamistischen Sultan Abdülhamit II. (1876-1909).

Quellen:

Güler Senünver u.a., Ilkögretim Okullari icin – Türkiye Cumhuriyeti inkilap tarihi ve Atatürkcülük 8 (Für die achte Klasse der Grundschulen – Revolutionsgeschichte der Türkischen Republik und Atatürkismus), Istanbul 2004.

Güler Senünver u.a., Ilkögretim Okulu – Sosyal Bilgiler 6 (Der Grundschule 6. Klasse – Sozialkunde), Istanbul 2004.

Güler Senünver, Ilkögretim Okulu – Sosyal Bilgiler 7 (Der Grundschule 7. Klasse – Sozialkunde), Istanbul 2004.

Kazim Yasar Kopraman (Hg.), Tarih – Lise 1 (Geschichte – Obergymnasium 1), Istanbul 2001.
Kazim Yasar Kopraman (Hg.), Tarih – Lise 2 (Geschichte – Obergymnasium 2), Istanbul 2003.

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