Σάββατο, 21 Οκτωβρίου 2017

Minsk: Gedenken an 13.000 ermordete jüdische Wiener. Grauen der Vergangenheit am Aspangbahnhof










Österreichische Delegation besuchte in weißrussischer Hauptstadt Gedenkstätte von Maly Trostinec, wo von den Nazis insgesamt mehr als 200.000 Menschen ermordet wurden - Internationale Bemühungen um Errichtung eines Gedächtnis-Komplexes – Mahnmal am Aspangbahnhof im September von Stadtrat Michael Ludwig Bestimmung übergeben.


Vor 75 Jahren wurden im weißrussischen Ort Maly Trostinec bis zu 13.000 Juden aus Österreich von den Nazis ermordet - so viele Österreicher, wie an keinem anderen Ort. Erst seit einigen Jahren sind die damaligen Geschehnisse in dem kleinen Dorf unweit der weißrussischen Hauptstadt Minsk einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Seit rund zwei Jahren laufen auch internationale Bemühungen zur Errichtung einer würdigen Gedenkstätte, die freilich nicht nur ein Gedenkort für die österreichischen Opfer werden soll. Insgesamt wurden in Maly Trostinec mehr als 200.000 Menschen ermordet.

Eine kleine österreichische Delegation gedachte dieser Tage in Minsk der Opfer. Der Vizepräsident der Kardinal-König-Stiftung, Erich Leitenberger, stellte vor Ort fest, 75 Jahre nach dem heimtückischen Massenmord in Maly Trostinec sei es höchste Zeit, den Opfern der NS-Mordmaschinerie, die "unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger waren", wenigstens die Ehre würdigen Gedenkens zu erweisen. Der Delegation gehörten auch Vertreter von "Pro Oriente" und der Stiftung "Living Together" an.

Mit den Arbeiten am Memorialkomplex Maly Trostinec wurde bereits 2014 begonnen und ein erster Teil im Eingangsbereich wurde 2015 fertiggestellt. Das gesamte Gelände ist überaus weitläufig - 124 Hektar wurden von den weißrussischen Behörden unter Schutz gestellt. Dazu gehören Maly Trostinec selbst, der Wald von Blagowschtschina und das Dorf Schaschkowka.

Mehr als 200.000 Opfer

Von den bis zu 13.000 per Bahn vom Aspangbahnhof nach Maly Trostinec deportierten Wienerinnen und Wienern überlebten nur 17. Der lange Bahntransport sollte die Menschen irreleiten, es wurde ihnen eingeredet, sie könnten sich "im Osten" eine "neue Existenz" aufbauen. Auf dem Bahnhof von Wolkowisk (271 Kilometer vor Minsk) mussten die Deportierten die Personenzüge verlassen, anschließend wurden sie in Viehwaggons verladen. In Maly Trostinec wurden sie, nachdem sie ausgestiegen waren, sofort auf Lastwagen verfrachtet und an einer geheimen Mordstätte im Wald von Blagowschtschina, wo es eine schwer einsehbare Lichtung gab, erschossen, später auch in Gaswagen erstickt. In Schaschkowa gab es eigene Krematorien, wo die Leichen der Opfer verbrannt wurden.

Der Wald von Blagowschtschina gehörte zu einer ehemaligen Kolchose, die von der NS-deutschen sogenannten "Sicherheitspolizei" beschlagnahmt worden war. Die NS-Schergen richteten auf der Kolchose, die über einen Bahnanschluss verfügte, ein Zwangsarbeitslager ein; zugleich erschienen ihnen die Lichtung im Wald für ihre Mordpläne geeignet. Insgesamt waren für 1942 18 Deportationszüge aus Wien geplant, in denen man unterschiedslos Männer, Frauen und Kinder zusammenpferchte. Um die Täuschung zu stärken, mussten die Deportierten Gepäck mit sich führen. Der erste Deportationszug verließ den (heute nicht mehr bestehenden, aber auch damals abseits gelegenen) Aspangbahnhof am 28. November 1941, der letzte am 5. November 1942.

Insgesamt wurden in Maly Trostinec von 1941 bis 1944 laut Historikern mindestens 206.500 Menschen ermordet; Juden aus ganz Europa aber auch zahlreiche Weißrussen und Russen. Allein im Wald von Blagowschtschina wurden später 34 Massengräber entdeckt mit weit über 120.000 Opfern. Die ersten Ermordeten waren im Herbst 1941 tausend deutsche Jude aus Hamburg.

Trotz der unermesslichen Zahlen ist Maly Trostinec nur einer von vielen Orten der NS-Mordmaschinerie in der Region. Auf dem Territorium des heutigen Weißrussland gab es insgesamt rund 260 NS-Lager, in denen mindestens zwei Millionen Menschen ermordet wurden.


Aufarbeitung der Geschichte

Ein erster Gedenkstein für die Opfer wurde 1963 in Schaschkowa errichtet, einige weitere kleine Gedenksteine folgten im Laufe der Jahre. In Österreich ist die Kenntnis über Maly Trostinec aber noch kaum verbreitet. Erst seit einigen Jahren wird die tragische Geschichte bekannter und aufgearbeitet.

Im Juli 2016 besuchte Kardinal Christoph Schönborn Maly Trostinec und zeigte sich "zutiefst erschüttert" über die Gedenkstätte bzw. das Geschehen vor rund 75 Jahren. "Die Erinnerung an die vom NS-Regime in Maly Trostinec ermordeten Wienerinnen und Wiener muss bewahrt bleiben", so der Kardinal gegenüber "Kathpress". In Minsk besuchte der Kardinal auch die vom orthodoxen Erzpriester Fjodor Pownyi errichtete und betreute Gedächtniskirche, wo in der Krypta eine Gedenkstätte für die Opfer von Maly Trostinec eingerichtet wurde. Schönborn legte dort Blumen nieder und sprach ein Gebet. Erzpriester Pownyi ist auch federführend an den weiteren Plänen für die Gedenkstätte beteiligt. Demnach soll es u.a. auch einen zentralen "Platz der Versöhnung und des Gebets" geben, wie er dieser Tage vor Ort gegenüber "Kathpress" erläuterte.

Bereits im November 2015 besuchte eine hochrangige ökumenisch und interreligiös besetzte Delegation aus Weißrussland Österreich, um über die Pläne zum Ausbau der Gedenkstätte in Maly Trostinec zu informieren. Die weißrussische Delegation wurde vom katholischen Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz von Minsk geleitet. Die Delegation traf u.a. mit dem Eisenstädter Bischof Ägidius Zsifkovics und dem orthodoxen Metropoliten Arsenios (Kardamakis) zusammen.

"Marsch für Tausend"

In Österreich engagiert sich sehr stark der von Waltraud Barton begründete Verein "IM-MER" (Maly Trostinec erinnern). Bis heute hätten die Ermordeten in Maly Trostinec kein Grab, so Waltraud Barton: "Ohne Grabmal, auf dem ihre Namen stehen, bleiben sie die, zu denen man sie vor 75 Jahren gemacht hat: Ausgestoßene. Aber sie müssen endlich wieder zu einem Teil der österreichischen Gesellschaft werden." Solange dort, wo die Menschen ermordet wurden, nichts an sie und ihren gewaltsamen Tod erinnert, "ist es so, als hätte es sie, aber auch die Verbrechen an ihnen gar nicht gegeben. Das dürfen wir nicht zulassen".

Der Verein "IM-MER" hat heuer in Wien an allen Jahrestagen der Deportationen einen "Marsch für Tausend" durchgeführt. Wie bei einem Begräbnis zogen zahlreiche Menschen vom einstigen Sammellager in der Kleinen Sperlgasse 2a in der Leopoldstadt zum Mahnmal auf dem Judenplatz in der Inneren Stadt, wo die Namen der Opfer verlesen wurden. Besonders ergreifend war der Marsch am vergangenen 14. September. Denn am 14. September 1942 waren unter den Deportierten sehr viele Kinder; Buben und Mädchen aus den Kinderheimen Grünentorgasse 26 und Haasgasse 10.

Der österreichische Nationalrat hat am 13. Oktober 2016 einstimmig die Bundesregierung beauftragt hat, ein würdiges Grab- und Mahnmal für die in Maly Trostinec ermordeten jüdischen Wienerinnen und Wiener zu errichten. Bisher ist diesbezüglich aber nichts geschehen. Vom Wiener Bürgermeister Michael Häupl gibt es eine finanzielle Zusage aus dem Jahr 2015.

Alexander Bayerl, österreichischer Botschafter in Weißrussland, erläuterte gegenüber "Kathpress", dass noch um einen Kompromiss bei der Ausgestaltung der Gedächtnisstätte gerungen wird. Die Namen der insgesamt rund 20.000 westeuropäischen jüdischen Opfer seien weitgehend bekannt und es sei nur allzu verständlich, dass die Hinterbliebenen die namentliche Erwähnung der Ermordeten gesichert wissen wollen. Zugleich gebe es von der weitaus größeren Gruppe der weißrussischen und russischen Opfer fast keine namentlichen Aufzeichnungen. Doch auch an sie müsste in gleicher Weise würdig erinnert werden. Bayerl zeigte sich zuversichtlich, dass man eine Lösung finden werde.


Mahnmal an Opfer der Abtransporte in den Tod

Stadtrat Dr. Michael Ludwig u.a. haben schon am 7. September eine Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Juden-Deportation auf dem Areal des ehemaligen Aspangbahnhofs in Wien-Landstraße eröffnet. Das Mahnmal erinnert an die äußerst dunkle Geschichte dieses Orts. Denn hier fuhren  zwischen 1939 und 1942  „Abtransporte“ von rund 47.000 Menschen – fast ausschließlich Juden – in Ghettos und Vernichtungslager ab.

 Auf das Grauen der Vergangenheit nimmt das Mahnmal im Leon-Zelman-Park direkt Bezug: Auf einer Länge von 30 Metern verlaufen – parallel zur Aspangstraße – zwei konisch sich verengende Betonschienen am Boden, die die Gleisstränge der in den 1970er-Jahren endgültig abgerissenen Verkehrsstation symbolisieren sollen. Diese münden schließlich in einen dunklen hohlen Betonblock, der für den Tod, das Verschwinden stehen soll.

“Shoah hat mitten in der Stadt, stattgefunden”

“Die Shoah hat nicht nur in fernen Vernichtungslagern stattgefunden”, sondern eben auch “mitten in der Stadt, vor den Augen der Bevölkerung”, betonte Historikerin Heidemarie Uhl. Sie erinnerte an die 47.035 Deportierten, die in 47 Transporten – die überwiegende Mehrheit fand in den Jahren 1941/42 statt – per Zug in die Vernichtungslager geschickt worden waren. Nur 1.073 Menschen überlebten. Zahlen, die auch am Denkmal aufgebracht sind.


Ein Zeitzeuge berichtet

Einer der wenigen, die zurückgekommen sind, ist Herbert Schrott. Der Zeitzeuge sprach heute vor allem vom Spott und Hohn der Wiener, der ihm am Weg zum Aspangbahnhof von der Bevölkerung entgegengebracht wurde. “Die Tragödie war damals den Wienern ein Triumph”, es habe “kein Zeichen von Mitgefühl und Menschlichkeit” gegeben. Die Familie Schrott wurde zuerst ins Ghetto Theresienstadt, dann nach Auschwitz, dann in ein Nebenlager von Dachau gebracht. Mutter und Sohn überlebten, der Vater kam ums Leben: “Dieses Mahnmal soll an eine Zeit ohne Gnade erinnern.”

Bereits existierender Gedenkstein wurde erweitert

Als ein Vertreter der Stadtregierung betonte Michael Ludwig, dass das Grauen vor den Augen und auch unter Mithilfe der Wienerinnen und Wiener stattgefunden habe. Im Sinne der Mahnung “Niemals vergessen” sei vor allem Vermittlungsarbeit wichtig. Deshalb wurde der – schon seit rund drei Jahrzehnten existierende Gedenkstein – um eine große Tafel ergänzt, die über den Ort informiert. Eine Liste der Deportationszüge mit Datum, Zielort und Zahl der Deportierten sowie eine Landkarte mit den Deportationszielen findet man hier ebenfalls.

Erinnerungsorte und das damit verbundene Gedenken seien auch dazu da, “Taten für die Zukunft” daraus abzuleiten, also Ausgrenzung und Antisemitismus nicht zuzulassen und sich für Friede und Menschlichkeit einzusetzen. “Ich sage das jetzt im Hinblick auf den gegenwärtigen Wahlkampf: Es beginnt oft mit Worten und es beginnt oft sehr harmlos”.

Mahnmal als “wichtige Mahnung für Gegenwart und Zukunft”

In eine ähnliche Kerbe schlug Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien: In einer Zeit, in der Antisemitismus wieder im Aufstieg sei und Terrorismus und kriegerische Konflikte wieder zunähmen, sei dieses Mahnmal eine “wichtige Mahnung für die Gegenwart und Zukunft”. Am Schluss der rund einstündigen Zeremonie, bei der auch die israelische Botschafterin in Österreich, Talya Lador-Fresher, kurz das Wort ergriff, wurde mit einem Kaddisch (Gebet für Verstorbene) beendet, das Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg sprachen wurde.

Der Entwurf für das Deportationsmahnmal stammt vom Künstlerduo Prinzgau/Podgorschek. Er wurde im November 2016 durch eine vom KÖR (Kunst im öffentlichen Raum) eingesetzte Jury zum Wettbewerbssieger erklärt. Für die Umsetzung, die ab dem Frühjahr erfolgte, stellte die Stadt 330.000 Euro zur Verfügung.


Quellen: prooriente, kathpress, rathauskorrespondenz

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