Σάββατο, 28 Οκτωβρίου 2017

Atatürk oder Allah? Die Türkei am Scheideweg. In Istanbul prallen heute zwei Welten aufeinander









Von Heinz Gstrein

Im Schickeria-Viertel Cihangir herrscht bedrückte Belagerungsstimmung. Die Polizei riegelt erneut den nahgelegenen Taksim-Platz ab. Damit wird auch Istanbuls bislang fröhlichster Stadtteil von seinem Lebensnerv abgeschnürt: der Pera-Strasse mit ihren eleganten Modegeschäften und leckeren Restaurants., wo jetzt aber die Wasserwerfer wüten. Drinnen in Cihangir drängen sich rund um das Deutsche Krankenhaus die Intellektuellen-Cafés dieser heimlichen Hauptstadt der Türkei. Sie dienen auch den Flirts junger oder älterer, meist illegitimer Paare. Schöne Frauen ohne Kopftuch, statt dessen in provokant leichter Entkleidung, schauen jetzt aber weniger auf ihre Partner, als in verschiedene Zeitungen. Diese drucken allesamt einen Aufruf türkischer Künstler, Musiker und Schriftsteller zur Rettung der Errungenschaften des Europäisierers Atatürk. Am Anfang der langen Prominentenliste steht Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Er und seine Mitunterzeichner warnen davor, Frauenemanzipation, westlichen Lebensstil und persönliche Freiheiten zugunsten von Re-Islamisierung aufzugeben.


Mit diesem Koran-lastigen Anliegen des derzeitigen Regimes Erdogan setzt sich

Pamuk in seinem Roman „Kar“ (Schnee) auseinander. Spannend zeichnet der Autor in der eingeschneiten Provinzstadt Kars die Gegensätze zwischen den Anhängern Atatürks und Nostalgikern der Größe des einstigen Osmanenreichs. Dieses wollen jetzt Präsident Erdogan und seine Gesinnungsgenossen von der „islamdemokratischen“ AKP durch Rückgriff auf islamische Lebensformen zurückzaubern: mit Hilfe von Kopftuch, Ächtung des Alkohols und von freizügigem Zeitgeist. Ihrem Fanatismus steht im Lager der kemalistischen Eurotürken an Negativem eine extrem nationalistische Türktümelei gegenüber.

„Kars – das ist heute die ganze Türkei“, erklärt eine elegante Dame mit Zigarettenspitz, Schoßhündchen und einem doppelten Gin vor sich: “Wir wollen das Erreichte niemals aufgeben. Dafür demonstriert die türkische Jugend hier und in Ankara.“ Sie wird persönlich: „Schauen Sie mich an: Als armes kleines Mädel wurde ich vor Jahrzehnten aus der hinterwäldlerischen Osttürkei zu Verwandten nach Istanbul gebracht. Als eine Art Haussklavin, wie das damals noch üblich war. Dank Europäisierung bin ich dann aber Schritt für Schritt zu dem geworden, was ich heute bin: eine richtig noble Dame. Nur Atatürk haben wir es zu verdanken, dass unser Vaterland heute kein Iran oder Saudi-Arabien ist. Verlangen Sie nicht, dass ich mich wieder bekopftuche. Eher bring ich mich um!“

Der Transvestit am Nebentisch nickt Zustimmung: „Was soll erst aus uns werden, wenn islamische Sitten zurückkehren und eine Sittenpolizei die überwacht?“ Homosexuelle sind in der Türkei auch unter Atatürk und seinen Diadochen Freiwild geblieben, verdrängt in das Dunkel der Nacht und einer kriminalisierten Halbwelt. Nur in Cihangir genossen und genießen sie Narrenfreiheit – noch

In der Türkei hat inzwischen ein regelrechter Kulturkampf

begonnen. Gerade in Istanbul prallen zwei Welten aufeinander. Jahrzehntelang wurde von staatswegen der Personenkult Atatürks als eine Art Ersatzreligion propagiert. Alles Islamische galt als rückständig, morsch und korrupt. Dieser eingefleischten Weltanschauung lässt sich jetzt nicht von heut auf morgen eine Islam- und Sultansnostalgie ebenfalls von oben her anbefehlen.

Zwischen den beiden, in gleicher Weise autoritären Lagern schlängeln sich

allzuwenig echte Demokraten und Liberale dahin, viel zu schwach auch die areligiöse, revolutionäre Linke. Beide können gemeinsam nur Schauerfolge mit vereinzelten Kundgebungen erzielen. Die Zukunft der Türkei wird vielleicht weiter Atatürk, wahrscheinlich jedoch den Jüngern Allahs gehören...








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