Σάββατο, 16 Σεπτεμβρίου 2017

Türkei: Vom Tanzimat zum „Maurerstaat“ Licht und Schatten der osmanischen Freimaurerei








   Von Heinz Gstrein

In kaum einem anderen Land der Welt hatte die Freimaurerei im 19. und frühen 20. Jahrhundert einen so segensreichen Einfluss wie in der osmanischen Türkei. Es fehlen aber auch – wie schon bei der Französischen Revolution – verderbliche Verirrungen einzelner Brüder nicht. Damit beweisen die Verwirklichung höchster maurerischer Ideale in der Reformbewegung Tanzimat, aber auch der „Maurerstaat“ von 1908 bis 1918 den alten Grundsatz, dass die Brüderkette genauso stark ist, wie ihr schwächstes Glied.



Als Ausgangspunkt für die osmanische Freimaurerei von Ungarn her hat sich vor ihren späteren Zentren Konstantinopel und Saloniki zunächst Belgrad erwiesen. So gehen auch die Anfänge der Freimaurerei in Serbien im späten 18. Jahrhundert auf keinen anderen als den osmanischen Statthalter von Belgrad zurück, Mustaj Pascha. Noch in der 1851 im damals zum Unterschied vom autonom gewordenen serbischen Hinterland weiter direkt dem Sultan unterstellten Belgrad gegründeten Loge „Ali Koç“ gaben Türken den Ton an, allen voran ihr Stuhlmeister Mehmet Said Ismail. 

In Stambul waren die ersten Freimaurer osmanische Diplomaten, die von Posten in Europa, vor allem in London und Paris, zurück an die Hohe Pforte kamen, sowie Europäer, die in den Dienst des Sultans traten und dabei äusserlich den islamischen Glauben annahmen. So der osmanische Gesandte in Frankreich, Sait Çelebi, der es dann daheim bis zum Grosswesir brachte. Oder Comte de Bonneval, den Intrigen vom Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. vertrieben hatten. In seinem ersten englischen Exil wurde er Freimaurer und blieb ein solcher, nachdem er unter dem Namen Ahmet Osman Pascha ein Kumbaraci, das heisst Säckelmeister des Sultans geworden war. Beide gründeten zusammen mit Ibrahim Mütteferrika die Istanbuler Loge. Diese hat sich um die Einrichtung der ersten osmanischen Druckerei verdient gemacht. Bis dahin hatten die Muslime zum Unterschied von Christen und Juden den Buchdruck als Teufelswerk abgelehnt und alles handschriftlich erledigt.[1]

Der Freimaurerei öffneten sich bald auch die Führungsinstanzen der religiös organisierten osmanischen Untertanenvölker, das griechisch-orthodoxe Patriarchat von Konstantinopel und das Stambuler Grossrabbinat. Im Patriarchenarchiv des Phanars am Goldenen Horn ist die griechische Uebersetzung eines Freimaurerrituals von 1747 erhalten.[2] Die erste Loge mit vorwiegend griechisch-orthodoxen Brüdern hatte an der Kirche des hl. Nikolaus im Stadtteil Civali ihren Sitz.

Führende Vertreter von osmanischem Staatsvolk und den Religionsvölkern, Grosswesire, Minister, Erzbischöfe und Rabbiner sassen künftig in den Logen beisammen, waren Maurerbrüder. Damit wurde ein neues, inoffizielles Organ des Ausgleichs und der Verständigung geschaffen. Noch 1912 erfolgte im Ersten Balkankrieg die friedliche Uebergabe von Saloniki, türkisch Selanik, an die griechischen Truppen durch Vermittlung der Loge Veritas, der sowohl der osmanische Stadtkommandant wie der griechisch-orthodoxe Metropolit angehörten.

Die erste wirklich grosse Blüte der osmanischen Freimaurerei setzte mit der französischen Gattin von Abdulhamit I. ein, einer Cousine von Napoleons erster Frau Josephine. Unter dem Namen Nakşidil Sultan war sie die wichtigste Beraterin ihres Stiefsohnes Selim III. und sie förderte die Gründung von Logen im ganzen Osmanischen Reich. Nicht nur in der Hauptstadt und am Balkan, auch in der fernsten asiatischen Türkei entstanden diese Männerbünde. Ihr Grossmeister wurde 1764 Dr. Dionysios Menasche, seines Zeichens Honorargeneralkonsul des habsburgischen Grossherzogtums Toskana.[3] Aus dem alexandrinischen Zweig dieser Familie stammte noch zuletzt ein Grossmeister der Schweizr „Alpina“, der S.E. Bruder Alberto Menasche.

Nakşidils Sohn Mahmud II. (1808-1839) wurde unter ihrem Einfluss nicht zufällig zum Initiator der grossen osmanischen Rechts- und Verwaltungsreform, des Tanzimat, der „Reorganisation“. Nach wie vor wird darüber gerätselt, ob der Monarch, wie etwa in Österreich Kaiser Franz Joseph I., selbst Freimaurer war. In die Maurerei eingetreten ist jedenfalls sein Grosswesir Mustafa Reschit Pascha während eines Aufenthalts als Gesandter in London. Er bereitete den ersten Reformerlass vor, den dann der grosse Reformsultan Abdel Medschid (1839-1861) am 2. November 1839 in seinem Palastgarten verkündete: Den Hatt-i Scherif von Gülhane, wörtlich: Das noble Dekret aus dem kaiserlichen Rosengarten. Mit dieser Verordnung wurde eine neue, humanere und gerechtere, nicht mehr vom Koranrecht geprägte Prozessordnung eingefuehrt, das Lehenssystem von Spahi und Timar abgeschafft. Ein einheitliches Steuersystem und eine neue Heeresorganisation traten in Kraft, das bisher Muslime und Männer begünstigende islamische Erbrecht wurde nach dem Gleichheitsprinzip novelliert. Die Staatsangestellten erhielten erstmals feste Gehaelter, dafuer wurden auf Bestechlichkeit (rüşvet) drastische Strafen verhängt – das ziemlich erfolglos, wie sich bis zum Ende des Osmanischen Reiches zeigen sollte.

Vor allem gewährte der Hatt-i Scherif den christlichen und jüdischen Untertanen des Sultans erstmals Gleichberechtigung, allerdings in den Grenzen des hanafitischen Schariatsrechtes, so dass die Todesstrafe für den Abfall vom islamischen Glauben vorerst weiter bestehen blieb.

Im Gefolge des Hatt-i Scherif wurde 1855 die im islamischen Recht verankerte Wehrunwürdigkeit von Christen und Juden aufgehoben, die darin begruendete Kopfsteuer des Haratsch abgeschafft und die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die neu organisierten Streitkraefte wollten aber keine „Ungläubigen“, so dass die Dienstpflichtigen aus den Untertanenvoelkern von ihrer Wehrpflicht befreit und dafuer eine Abgabe, der bedel-i askeriye eingehoben wurde. Damit blieb praktisch der Haratsch unter einem anderen Namen erhalten.

Hatte es sich beim Hatt-i Scherif um eine Frucht der türkischen Aufklärung und eine Reaktion auf innere Probleme gehandelt, so kam das zweite grosse Reformedikt 1856 auf Verlangen der europäischen Grossmächte zustande. Das Osmanische Reich wollte – wie heute wieder die Türkische Republik – in das europäische Konzert, wie es damals statt der EU hiess, aufgenommen werden und musste dafür gewisse weitere Reformen durchführen. Vor allem sollte die Todesstrafe für die Abwendung vom islamischen Glauben abgeschafft werden und das islamische Recht als Ganzes seinen Stellenwert als hauptsächliche Rechtsquelle – wie es etwa auch inn der neuen irakischen Verfassung wieder heisst – verlieren. Sultan Abdel Medschid gewährte das mit dem Hatt-i Hümayun, dem „Öffentlichen Erlass“. In ihm wurde erneut die Gleichberechtigung aller Untertanen des Reiches ohne Rücksicht auf ihre Religion, Sprache oder Rasse verankert. Die Religionsvölker blieben bestehen, durch wurden die zivilen Rechte der geistlichen Oberhäupter zugunsten von nicht-klerikalen Strukturen beschnitten. Erstmals konnten in der Türkei Banken, allen voran die Osmanische Bank, gegründet werden.

Ein Hauptanliegen der Tanzimatbewegung, die Reform des islamischen Rechts, wurde zwischen 1869 und 1876 mit der Schaffung eines osmanischen statt islamischen Zivilrechts in Angriff genommen, mit der Mecelle-i Ahkami Adliyye, dem „Codex Juridischer Bestimmungen“. Als seinen Zweck nannte Justizminister Savaş Pascha, der wieder selbst ein Bruder  war: „Die Modernisierung des islamischen Rechts ist der einzige Weg, um die Muslimwelt für die allgemeine Zivilisation zu öffnen und so eine stabile und aufrichtige Verbundenheit zwischen den beiden wichtigsten Faktoren der Menschheit herzustellen, zwischen Muslimen und Christen.“[4]

Dieses Zivilrecht Mecelle hat das Osmanische Reich ueberlebt, in der republikanischen Tuerkei bis 1926, als von Atatürk das Schweizer Zivilrecht von 1907 unter dem Namen Türk Medeni Kanunu uebernommen wurde.

1867 erfolgte noch eine Verwaltungsreform, 1876 wurde die absolute Herrschaft des Padischah, des Grossherrn, in eine konstitutionelle Monarchie verwandelt. An der neuen Verfassung waren Freimaurer führend beteiligt, an ihrer Spitze der Grosswesir Midhat Pascha. Kronprinz Murad und zwei seiner Brüder gehörten in Stambul der Loge mit dem griechischen Namen Proodos an, „Fortschritt“. Auch nach dem mysteriösen Freitod von Sultan Abdulaziz am 30. Mai 1876 schien daher noch kein Grund zur Beuruhigung gegeben zu sein: Murat III. bestieg als erster Freimaurer-Sultan den Thron.

Doch schon nach drei Monaten wurde er von Abdulhamit II. gestuerzt, der sich zunächst Midhat Pascha gegenüber zur Wahrung der neuen Verfassung und aller sonstigen Reformen verpflichtete. Aber im Februar 1877  wurde Midhat von dem  „roten“, blutigen Sultan entlassen. Abdulhamit II. liess ihn in der Verbannung ermorden, das erste osmanische Parlament wurde aufgelöst, die Konstitution aufgehoben.

So begann nach dem Tanzimat eine über 30jährige Ära des Panislamismus, aber keiner islamischen Reaktion. Abdulhamit versuchte das wankende Reich durch den Islam zu festigen, darüber hinaus neue Muslimgebiete in Afrika und Indien fuer seine Herrschaft zu gewinnen. Auch gingen die Reformen unter ihm weiter, diesmal waren es aber islamkonforme Reformen. So konnten die neu gegründeten, auf dem Verzinsungssystem beruhenden Banken weiterbestehen, wenn sie sich pro forma genossenschaftlich deklarierten um das Zinsverbot der Scharia durch Gewinnbeteiligung zu umgehen. Auch die jungen Postsparkassen durften so weiterbestehen. Der islamische Reformer und Kronjurist, der das alles möglich machte, war ein Afghane, der berühmte Jalal ad-Din al-Afghani (1838-1897), auch er Freimaurer. Afghani bezeichnete sich als Martin Luther des Islams und führte die menschliche Vernunft als dritte Offenbarungsquelle neben dcm Koran und der islamischen Ueberlieferung ein. Er scheiterte an einer Zollreform im islamischen Geist, hat aber im islamischen Modernismus bis vor etwa 30 Jahren noch stark fortgewirkt.

Die Kehrseite dieser panislamischen Reform war die beginnende Ausgrenzung, zum Teil regelrechte Verfolgung von Nichtmuslims. Abdulhamits muslimischer Allianz von Türken und Kurden mit den von beiden Völkern gestellten Hamidie-Garden wurde schon in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts vielen Armeniern zum Verhängnis. Auch sonst regte sich, gerade in Südosteuropa, der Widerstand gegen diese neue islamische Vorherrschaft. Maurerische Ideale gaben dabei den Ton an. So verkündete bei den Bulgaren der zum Revolutionär gewordene Klosterdiakon Vasil Levski: „Unser Ziel in Bulgarien ist Brüderlichkeit mit jedem, ohne auf Religion und Nationalität zu schauen. Alle Völker in Bulgarien werden unter denselben reinen und heiligen Gesetzen leben.“[5]

Das Ideal der Brüderlichkeit zwischen allen Völkern und Glaubensbekenntnissen des Osmanischen Reiches wurde natürlich von den Freimaurern hochgehalten, die sich unter Abdel Hamit bedeckt halten mussten. Der einzige Versuch der Loge Proodos, ihren Maurersultan Murat III. aus seinem Hausarrest im Ciragan-Palast zu befreien, wurde im Blut erstickt.

Im Geheimen gründeten Logenbrüder aller osmanischen Nationen eine Fortschrittsföderation, kurz Ittihad genannt. In ihr Zentrum trat in Saloniki die Loge „Macedonia Risorta“. Diese sogenannten „Jungtürken“ versuchten eine Rettung des Osmanischen Reiches aus dessen Bedrohung durch die imperialistischen (christlichen) Grossmächte durch gezielte Modernisierungsprojekte, immer stärker aber auch durch Modelle ideologischer „nationaler“ Geschlossenheit. Führender Kopf war der spätere Talaat Pascha (1872-1921), ein damals noch unbeachteter junger Bruder der Offizier Mustafa Kemal, der später als „Atatürk“ die moderne, postosmanische Türkei begründen sollte.

Mit Hilfe führender Freimaurer in hohen militärischen Rängen konnten die jungtürkischen Ittihadisten dem roten Sultan am 23. Juli 1908 das Wiederinkraftsetzten der Verfassung von 1876 abringen. Nach einem islamistischen Gegenputsch, der zusammenbrach, wurde Abdulhamit II. abgesetzt und nach Saloniki verbannt. Das fünfköpfige Komitee, dem er alle seine Befugnisse übergab, bestand ausschliesslich aus Freimaurern.

Nun folgte bis 1918, was der Historiker Thierry Zarcone den „Maurerstaat“ nennt[6]. Und der war alles andere als brüderlich. Nach einem neuerlichen, vergeblichen Umsturzversuch der konservativen Muslime war seit 1913 nur mehr ein Triumvirat aus dem General Enver Bey, Talaat Pascha und Dschemal Pascha an der Macht. Sie führten vor dem Ersten Weltkrieg die allgemeine Wehrpflicht auch praktisch ein. Juden und Christen wurden aber nur zum Dienst ohne Waffe eingezogen, in die sogenannten Arbeitsregimenter. Dieser Zivildienst sollte die Pioniere baulich unterstützen und sonstige Hilfsleistungen erbringen. Tatsächlich waren das aber Strafkompanien und Himmelfahrtskommandos, in denen sich vor allem die Armenier zu Tod schufteteten oder beim Minenräumen umkamen.

Die armenische, syrisch-christliche und auch griechische Zivilbevoelkerung wurde ab 1915 aus der Grenz- und Küstennähe in die Wüstensteppe von Nordwest-Mesopotamien deportiert, eine „Umsiedlung“, bei der über zwei Millionen Christen den Tod fanden. Die Fatwa (Gutachten) der höchsten islamischen Autorität, des Scheich ul-Islam – auch er Freimaurer – zur Rechtfertigung des Mordens war neben der Auflösung des armenischen Religionsvolkes 1917 ein weiterer unseliger Schritt der zum jungtürkischen Rassismus pervertierten spätosmanischen Freimaurerei.



Dieser Beitrag beruht auf einer im SS 2007 an der Diplomatischen Akademie Wien gehaltenen Vorlesung.

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[1] Layiktez Celil, The History of Freemasonry in Turkey, Tesviye 2005/3, Istanbul 2005, 2.
[2] A.a.O.
[3] A.a.O., 3
[4] Young George, Corps de Droit Ottoman VIII,  Oxford 1905, Fussnote 3.I
[5] Gstrein Heinz, Bulgarische Altlasten und Zukunftshoffnung: Eine oft schmerzliche Symbiose der Orthodoxie mit dem Halbmond, Varna-Wien 2006, 15-17.
[6] Zarcone Thierry, Mystiques Philosophes et Francs Maçons en Islam, Pau 2003, 86.

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