Πέμπτη, 14 Σεπτεμβρίου 2017

Moscheehöfe als Nikotinasyl Viel blauer Rauch ums türkische Rauchverbot





 


 


Von Heinz Gstrein


 


Die Türken haben zur Zeit nur ein Thema, über das sie sich ereifern: Am Arbeitsplatz und in den Teehäusern, vor und nach dem Moscheegebet oder im Familienkreis. Jeder würde meinen, dass es dabei um das heiße Eisen „Kopftuch“ bzw. konkret um seine geplante Zulassung in Schulen, Universitäten und allen staatlichen Büros geht. So mussten bisher Großmütter ihren traditionellen „Turban“ ablegen, wenn sie mit den Enkeln ins Museum gingen, Mütter durften ihre zum Militär eingezogenen Söhne in den Kasernen nur barhäuptig besuchen.


Dass sich das ändern soll, sorgt in der Türkei natürlich für Aufregung, doch nicht für die allergrösste. Die löst ein anderes Gesetz aus, mit dem die Regierung Erdogan eingefleischten Raucherinnen und Rauchern – und das sind bei den Türken fast alle ­– zu Leibe rückt. Schon in 18 Monaten sollen die Lungen am Bosporus genauso gesund pumpen, wie die ihrer Mitmenschen in europäischen Ländern. Warum nicht ab sofort oder zumindest in zwei oder drei Monaten? Soll die Galgenfrist etwa besonderen landesweiten Rauchentwöhnungskampagnen gewidmet sein? Keine Spur, meint ironisch Istanbuls Politkritiker vom Dienst, Perihan Ügeöz: „Wer auch nur ein bisschen mit den Abrakadabrakünsten der Politikszene vertraut ist, käme erst gar nicht auf den Gedanken, derlei zu fragen. In ca. 14 Monaten finden nämlich in der Türkei Kommunalwahlen statt. Würde man das Rauchen vorher verbieten, könnte statt des Zigarettenrauchs womöglich zuviel Sauerstoff in die Gehirnzellen der Türken aufsteigen, was wiederum dazu führen könnte, dass der eine oder andere Mensch es sich mit seiner Wahlstimme anders überlegt. Schließlich hat der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan mit der wahrlich nur ihm so eigenen Ernsthaftigkeit in Stimme wie Mimik den Seinigen verordnet, dass er alle Provinzen erobert sehen möchte.“


Von diesem Aufschub abgesehen ereifern sich emsige Regierungsvertreter, den europäischen Modetrend der Raucherverfolgung zu imitieren. Hüben wie drüben ist das Argument ein gleiches: Rauchen gefährdet die Gesundheit.

Das ist wohl wahr. Und trotzdem, das Rauchverbot einzig mit der kostbaren Gesundheit des Menschenlebens zu rechtfertigen, klingt im vorliegenden Kontext  reichlich unglaubwürdig, um nicht zu sagen: verlogen. Als ob Armut, Unterernährung, Arbeitslosigkeit,  Umweltverschmutzung, die Verdreckung von Seen und Flüssen, der Lärm und die Abgase der Autos nicht ebenso sehr gesundheitsschädlich wären; Nöte, mit denen Millionen Türken bestens und über Gebühr vertraut sind. Als ob sich die Herren türkischen Parlamentarier (die Frauen sind in der Nationalversammlung von Ankara so dürftig vertreten, dass es nur eine Höflichkeitsfloskel wäre, ihrer mit zu gedenken) der Nöte und Sorgen des kleinen Mannes auch nur annähernd angenommen hätten, so dass jetzt einzig das Rauchen als gesundheits-schändendes Ungeheuer übrig bleibt, das vernichtet werden muss.

Und welch ein Vorgehen: Künftig soll nirgends mehr Zigarettenrauch aufsteigen, weder in Restaurants noch Bars oder Cafes, einschließlich der volkstümlichen „Kahvehane“, die in der Landeskultur einen besonderen kommunikativen Stellenwert haben. Genau genommen übertrifft die Spannweite des anstehenden Rauchverbots sogar die Regelungen in einigen westlichen Ländern, wo zumindest hier und dort abgetrennte Ecken für Raucher vorgesehen  sind, wo sie sich nach Herzenslust weiter verräuchern dürfen. Und selbst da, wo es keine Raucherecken gibt bzw. geben wird, wie z.B. in Italien, ging dem Verbot immerhin ein mehrjähriger Prozess voraus, der mitunter wirklich dazu diente, die Selbstkontrolle der Raucherinnen und Raucher zu animieren.

Nun aber kommt die spezielle Pointe à la Turca: Zwei Orte werden vom generellen Rauchverbot ausgenommen sein. Der eine davon sind offene Plätze von Krankenhäusern, damit Menschen, deren Nahestehende schwerkrank oder gar eben verstorben sind, sich ihren Kummer „ausrauchen“ können. Der andere Ort sind die Höfe von Moscheen. In seiner ersten Fassung umfasste das Rauchverbot auch diese heiligen Stätten. Doch manche der frommen Regierungshüter waren der Auffassung, dass diese Maßnahme dazu führen könnte, die Menschen nicht nur des Rauchens, sondern gleichzeitig  der Religion zu entwöhnen. Per Fraktionsantrag wurde dieser Gefahr ein Riegel vorgeschoben: Moscheehöfe bleiben ein Asyl für das Rauchen!

Das erinnert an die Anekdote vom Franziskaner und Jesuiten, die beide beim Papst angefragt hatten, ob gleichzeitiges Rauchen und Beten des Breviers (ein Stundenbuch für Priester und Mönche) statthaft sei. Dem Sohn der Ordensgemeinschaft OFM (volkstümlich: Ohne feine Manieren) verbot der Vatikan eine solche Praxis. Dem Pater von der SJ (Societas Jesu, meist aber als „Schlaue Jungens“ gelesen) wurde hingegen die Genehmigung erteilt. Er hatte nämlich geschickt formuliert, „ob es vielleicht erlaubt wäre, beim Rauchen auch zu Beten?“

Man muss nicht mit den Segnungen eines Propheten ausgestattet sein, um sich auszumalen, was bei den Türken passieren wird, wenn das Rauchverbot der frommen Männer in nicht allzu ferner Zukunft in Kraft tritt. So Allah will, und es gibt einstweilen keinen Grund, warum der Allmächtige seine Laune ändern sollte, wird die Regierungspartei in der Zwischenzeitlich einen triumphalen Wahlsieg bei den Kommunalwahlen errungen haben. Als Wahlgeschenke – pardon als Ausdruck sozialer Fürsorge – hatte sie bei der vorausgegangen Wahl tonnenweise Brennkohle und Lebensmittel an die Bevölkerung verteilt. Wer weiss, vielleicht verteilen sie dieses Mal auch sackweise Zigaretten, damit man sie auf Moscheehöfen mit einem frommen Segensspruch auf die nicht minder frommen Regierungsväter anzünde.

Wie dem auch sei: um ein Mehrfaches aufgeplustert vom Rausch ihres Wahlsieges werden die Hüter der Gemeinden  besonders energisch im Namen der Gesundheit – ihren heiligen Angriff gegen den Zigarettendunst aufnehmen. Noch sind die Projekte mit den Alkoholbannmeilen, den so genannten „roten Strassen“ in übler Erinnerung,  als es darum ging, in zahlreichen Städten, einschließlich der Tourismuszentren wie Istanbul, Antalya und Marmaris, die Alkoholausschank aus den Stadtzentren zu verbannen. In Erwartung ähnlicher Schikanen eines Gesundheitsterrors wird ein nicht unerheblicher Teil der Kneipen- und Kaffeegänger von Haus aus liebe zuhause bleiben. Den Vergnügungsstätten, wo die Türken, in der einen Hand die Zigarette, in der anderen den Rakiglas ihr Leben verschönten, droht dann gähnende Leere. Und die EU-Gegner argumentieren jetzt erst recht: Was kann aus Brüssel schon Gutes kommen, wenn es zu den europäischen Standards gehört, die Raucherinnen und Raucher zu unterdrücken!


 


 


 


 

 

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