Δευτέρα, 28 Αυγούστου 2017

Ruf nach Gerechtigkeit von den Dardanellen Breitere Oppositionsbildung gegen Erdogans Alleinherrschaft





Kemal Kilicdaroglu

Von Heinz Gstrein

Aus der Türkei überschwemmt Großmaul Erdogan europäische Politiker weiter mit Beschimpfungen, wirft ihnen aber seinerseits vor. mit ihrer Kritik an seinem Regime über jede rote Linie hinauszuschlagen. Den drohenden Worten folgen erste Taten: Von griechischen Inseln komm seit dem Wochenende beunruhigende Berichte einer neuerlichen Flüchtlingschwemme, der die Türkei am Ägäisufer die Schleusen öffnet.


Mit diesem Dauer-Beschwören und –bekämpfen äußerer Feinde will Erdogan von wachsenden Problemen im eigenen Land ablenken. Erst sonntags hat er mit Notverordnung an die tausend weitere, angeblich illoyale Staatsangestellte entlassen sowie den Zusammenschluss der verschiedenen türkischen Sicherheitsdienste zu einheitlicher geheimer Staatspolizei verfügt. Aus der für ihn sichtlich brenzligen Gegenwart floh der Staatschef gleichzeitig mit Massenfeiern in die ruhmreiche Vergangenheit der Wende im Krieg mit den Griechen von Ende August 1921 zurück und sogar bis in den Spätsommer 1071. Damals hatten sich die Türken erstmals den Weg aus Turkestan nach Kleinasien erkämpft. Vor über 100 000 im ostanatolischen Mus aufgebotenen Zwangsjublern verkündete Erdogan: „Unser Kampf ist heute derselbe – nur haben wir es mit neuen Feinden zu tun.“ Wobei er auf Kurden, sonstige innere und äußere Gegner und ihre angeblichen EU-Hintermänner anspielte...

Ebenfalls über Wochenende versammelte an der Dardanellen-Meerenge Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu kaum weniger Menschen zu einer mächtigen Anti-Erdogan-Kundgebung unter dem Motto „Gerechtigkeit“. Wie schon bei seinem Juli-Marsch von Ankara nach Istanbul fordert der sozialdemokratische CHP-Parteichef dabei eine gerechte Behandlung und Justiz für die heute in der Türkei zu Zehntausenden inhaftieren Soldaten, Offiziere, Polizisten und Gendarmen sowie Journalisten, Politiker, Beamte, Juristen und Lehrer, sogar Parlamentarier und Bürgermeister beiderlei Geschlechts. Bezeichnenderweise tut er das in einer der am stärksten europäisierten westtürkischen Regionen um den Hafen Canakalle. Erdogan hingegen sucht im hintersten Winkel des extrem rückständigen, patriarchalen Ostens Rückhalt, wo sich nach Einbruch der Dunkelheit kein weibliches Wesen mehr außerhalb der eigenen vier Wände sehen lassen darf.

Kilicdaroglus Parole „Gerechtigkeit“, auf türkisch „Adalet“ erinnert zugleich an die türkische Diktatur der frühen 1960er Jahre, als die heute von Erdogan neuerlich geforderte Todesstrafe an Regierungschefs und Ministern am Galgen vollstreckt wurde. Diese üble Zeit ist bis heute auch im politischen Bewusstsein jüngerer Generationen gegenwärtig, ebenso das schließlich erfolgreiche Aufbegehren der damaligen Adalet-Partei. Es handelte sich um eine breite Sammelbewegung aus Demokraten, um die Hebung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Bauern und Arbeitern besorgten Sozialreformern, Bildungsoptimisten und Frauenrechtlerinnen, doch ebenso aus aufgeschlosseneren Konservativen und gläubigen, doch gemäßigten Moslems.

Nach diesem Vorbild ist Kilicdaroglu in Canakalle um die Ausweitung der auf Atatürks „Nationalsäkularimsus“ eingeschworenen eigenen Alt-Kader zu breitem Widerstand gegen den „Tyrannen Erdogan“ bemüht. Als solchen wagte er den Machthaber erstmals vom Dardanellenufer her zu apostrophieren. Und das mit Erfolg: Wie sich an Rednern – und vor allem Rednerinnen – aus anderen politischen Lagern zeigte, ist der Widerstand gegen die immer autoritärere Erdogan-Herrschaft inzwischen keine reine CHP-Angelegenheit mehr. Der „Gerechtigkeits-Bewegung“ schließen, bzw nähern sich ein Frauenflügel der sonst mit Erdogan verbündeten MHP-Nationalisten und Teile der um ihre eingesperrten politischen Köpfe gebrachten Minderheitenpartei HDP an. Sogar Anhänger des durch Erdogan aus der Regierungspartei AKP getricksten Altpräsidenten Abdullah Gül sowie von Exaußenminister und –premier Ahmet Davutoglu sollen in Canakalle Fühler zu Kilicdaroglu ausgestreckt haben.

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