Τετάρτη, 19 Ιουλίου 2017

Wo die Slava – dort ist Serbien Tiefsinnige orthodoxe Bräuche in unserer Mitte







Von Heinz Gstrein                                                 

„Dürfen wir Euch zur Slava einladen?“, fragt uns an der Tür die serbische Nachbarin Elena. Wir wissen zwar nicht, was das ist. Eine Familienfest, ein Geburtstag wird es wohl sein. Zu einer so freundlichen Aufforderung sagt man nicht Nein. So finden wir uns am 7. Juli in der Nebenwohnung ein.

Die ist festlich geschmückt: Blumen, Lichter, Girlanden, Teller überhäuft von Leckerbissen und randvolle Gläser mit  Pflaumenschnaps Slivovica überall. Überfüllung auch schon, was die Gäste betrifft: Die ganze Großfamilie Martinovic drängt sich auf den 60 Metern im Quadrat, dazu Verwandte aus Serbien und Freunde vom Ort. Jovan, der ältere Sohn, thront in der Mitte, umsorgt von Mutter Elena und Frau Maja. Die achtjährige Slavica schmeichelt um Süßigkeiten, der kleine Filip kriecht am Boden herum. Aha, heute ist also Jovans Namenstag oder Geburtstag.


Wie alt er geworden ist, fragen wir ihn. Doch er schüttelt den Kopf: „Nein, wir serbischen Orthodoxen feiern keine Geburtstage. Christen, das heißt richtig Menschen werden wir erst durch die Taufe.“ Also Namenstag, doch der Facharbeiter vom Bau winkt wieder ab, zeigt mit der Hand auf ein Tischchen neben der Balkontür: Auf dem stehen vor der Ikone Johannes des Täufers eine Kerze, eine Flasche Wein und ein gugelhupfartiger goldgelber Kuchen: „Ja, auch ich habe heute Namenstag. Doch das ist Nebensache. Wer heute feiert, den Lobpreis seiner Slava erhält, ist mein Namenspatron, der hl. Jovan!“.



Die Ursprünge des Brauches dürften gar nicht so heilig gewesen sein, wenn man den Religionsforschern glauben will. Die heidnischen Serben hätten nicht wie die Griechen ferne Götter hoch am Olymp verehrt, sondern diese sich heimisch gemacht, ihnen meist einen Baum im Garten oder Hag zum Wohnsitz gemacht. Ähnlich den Eichen bei den alten Germanen. Während aber die vom energischen Rom ausgehenden Missionare wie Bonifatius die „Donareiche“ gefällt haben, gingen ostkirchliche Glaubensboten mit mehr Behutsamkeit vor. Inkulturisation würden wir heute sagen: Die Slawenapostel Kyrill und Method samt ihren Schülern ließen die Götterbäume stehen, gaben ihnen die Namen von Heiligen, hängten deren Ikonen daran. Natürlich fanden vor den so geheiligten Heidenbäumen keine christlichen Gottesdienste statt. Die wurden und werden ausschließlich in Kirchen gefeiert, dabei aber die alten Opfergaben an die Haus- und Familiengötter christlich geweiht. So der Festkuchen Slavski Kolac und ein Getreidegericht, das Zito.



Wenn sich dieser zunächst bei allen ostchristlichen Slawen verbreitete Brauch besonders und so dominierend bei den Serben erhalten hat, hängt mit ihrer ganz speziellen Geschichte zusammen. Sie waren schon im 14. Jh. unter die Herrschaft der muslimischen Türken geraten und konnten ihren Glauben meist nur mehr im Verborgenen leben. Einzig die Klöster wurden von den neuen Herren respektiert, zwischen ihnen lagen oft hunderte Meilen ohne Priester und Gotrshäuser. Da blieb nur mehr die Feier das Slava als eine Art Hauskirchentum. Wandermönche weihten die Festgaben, der Hausvater übernahm die Rolle eines Laienzelebranten.



Nicht einmal hundert Jahre währte dann von den 1840er Jahren an die Ära eines freien Serben- und Kirchentums. Zu kurz, um andere religiöse Formen an die Stelle der Slava treten zu lassen. Dann kam der Tito-Kommunismus, der die Orthodoxen zwar weniger verfolgte, aber aus der Öfentlichkeit hinausächtete. Schließlich war es die Zeit der jugoslawischen Zerfallskriege, von der die Slava in unsere Tage hinein gefestigt wurde: Gerade in Bosnien oder Kosovo, im krostischen Klin oder Slavonien, wo überall Heckenschützen lauerten, war es jahrelang viel zu gefährlich, zur Kirche zu gehen. Blieb nur die Slava in dne eigenen vier Wänden, oft tief im Keller, während es droben und draußen Granaten regnete. Ohne elktrischen Strom war die Slava-Kerze meist die einzige Beleuchtung, warmes Licht der Hoffnung in der Nacht ethnischer Säuberung. Nun brannte sich die Slava erst recht und wohl für immer unauslöschlich in serbische Herzen... „Gde je Slava, tu je Srbin“ (Wo die Slava, dort ein Serbe) bestätigt Jovan und hebt das Glas.

Mit der Slava hängt es auch zusammen, dass Serbinnen und Serben auch im Alltag am julianischen Kirchenkalender festhalten. Er hinkt unserer Datierung um 13 Tage nach. Das Johannes-Fest vom 24. Juni fällt als „Jovandan“ auf den 7. Juli,  Djurdjevdan (St. Georg) ist erst am 6. Mai, Nikoljdan wird am 19. Dezember gefeiert. Das und andere sind so feste Eckdaten im serbischen Bewusstsein, dass sie nie auf ein anderes Datum verschoben werden können. Bei den Russen hingegen ist bestenfalls noch das „alte Neue Jahr“ am 13./14. Jänner erinnerlich – so wie es die reformierten Alpenromanen bis heute als „Calanda“ im Unterschied zum päpstlich-gregrianischen Jahreswechsel fast zwei Wochen früher begehen.

Nun ist es an der Zeit, den Slavki Kolac einzuschneiden und die Löffel ins Körnergericht des Zito zu tauchen. Mit etwas Slivovica schlüpft das kernige Gericht leichter. Etwas daran kommt uns bekannt vor: „Sag einmal Elena, ist das nicht die Speise für die Verstorbenen, die du uns an eurem Allerseelen am Pfingssamstag hast kosten lassen?“

„Ja, ähnlich, aber nicht das Gleiche. Ihr meint das Koljivo aus gekochtem Weizen. Das ist die Totenspeise. So wie Freud und Leid in diesem Leben gehören auch die Speisen für Fest- und Trauertage in ihrem Hauprtbestandteil zusammen.“ Also Graupen, mit Staubzucker überschüttet und durch Zugabe von Rosinen, Nüssen oder Granatapfelkernen schmackhafter gemacht. Die werden nach jeder Beerdigung und zu Jahrtagen als eine Art Leichenschmaus angeboten, auf Papierteller oder gleich in den Mund gelöffelt. Zuvor muss aber das Stoßgebet gesprochen werden: „Gott, erbarme Dich der armen Seele!“

Koljivo oder auf Griechisch „Kollyva“ dürften wie die Slava heidnischen Ursprungs sein. Sie wurzeln aber nicht im alten Slaventum, sondern bei den antiken Griechen. Es hat sich um eine rituelle Spreise gehandelt, wobei der Weizen sinnbildlich die landwirtschaftliche Fruchtbarkeitsgöttin Demetra, Nüsse der Aphrodite und die „Weinbeereln“ den trunkenen Dionysos verkörpern sollten. Granatapfekerne standen für Demetras Tochter Persephone. Der Mythus von der Entführung des Mädchens in die Totenwelt machte dieses Gericht zu einer Begräbnisspeise. Wir wissen nicht genau, wann dieser Brauch verchristlicht wurde. Jedenfalls berichten schon die Kirchenväter davon, das solche Koljivo/Kollyva bereits im 4. Jh. von frommen Frauen auf Friedhöfe mitgenommen und an den Gräbern ihrer Lieben andächtig verzehrt wurden. Den Löwenanteil erhielten die Toten auf den Grabstein geschüttet. Bei den Griechen hat sich diese Sitte bis heute erhalten.

Diese ostkirchliche Form der Totenehrung findet sich bei allen orthodoxen Christen. Sie wurde im 18. Jh. von den so genannten „Kollyvades“ erenuert und zur heutigen Beliebtheit geführt. Diese Bewegung verband schlichte Formen der Volksfrömmigkeit mit der Empfehlung von häufigem, ja täglichem Empfang der Eucharistie sowie mystischen Meditationen. So mit dem „Herzensgebet“ eines unermüdlichen Wiederholens des Namens Jesu.

Eine besondere Form des Koljivo stellt bei orientalischen Christen die „Bilila“ dar. Sie ist abr keine Totenspeise, sondern ein vorweihnachtliches Gericht ab dem Fest der hl. Barbara am 4. Dezember. Zu finden auch bei uns an allen koptischen Kirche nach den Adventsgottesdiensten. Zur Bereitung der Bilila werden die Getreidekörner nicht mit Wasser, sondern in Milch gekocht, bis sie stark aufgeweicht sind, dann alles mit Zuckersauce übergossen. Kostet doch einmal, wie gut das schmeckt!

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