Δευτέρα, 1 Μαΐου 2017

Im Schatten der Galgeninsel In der Türkei droht wieder die Todesstrafe





Yassiada




Von Heinz Gstrein

Schaut man von Istanbul an einem sonnig-klaren Frühlingstag übers Meer von Marmara hinaus, so zeigt sich am fernen Horizont wie der Panzer einer winzigen Schildkröte die Insel Yassiada. Dort waren nach dem Militärputsch von 1960 Schauprozesse gegen die gestürzte politische Nachkriegsführung der Türkei über die Bühne gegangen: Staatspräsident Celal Bayar, Regierungschef Adnan Menderes, seine Minister und Mitarbeiter. Insgesamt 592 Angeklagte, unter ihnen der Jude Yusuf Salman und der Armenier Zakar Tarver. Die gegen sie erhobenen Vorwürfe waren zum Teil lächerlich: Etwa die Übergabe eines Hundes, den Afghanistans König dem türkischen Präsidenten geschenkt hatte, an den Zoo von Ankara, als „Raub von Staatseigentum“. Dennoch forderte der Staatsanwalt 228 mal die Todesstrafe, das Sondergericht bestätigte 16 davon. Gehängt wurden zwar „nur“ drei der Verurteilten, an ihrer Spitze Menderes. Istanbuls Zeitungen brachten aber davon so schreckliche, ganzseitige Bilder, dass Yessiada bis heute den Übernamen Galgeninsel trägt.


Ihr Schatten fällt jetzt erneut auf die inzwischen längst abgeschaffte Todestrafe. Präsident Erdogan hat die Wiedereinführung angekündigt. Yessiada hatte sich in den letzten Jahren zu einem Paradies für Sporttaucher entwickelt, die Umwandlung in eine Touristenattraktion war schon beschlossen. Jetzt beginnen aber die Unterwasserjäger mit Harpune oder Kamera die Insel wieder zu meiden. Und von Hotelbauten ist gar keine Rede mehr.

Der türkische Name von Yassiada bedeutet „flache Insel“. Immerhin beträgt ihre höchste Erhebung nur 43 m. Schon die alten Griechen nannten sie „Plateia“, die „ebene“. Derselbe indogermanische Wortstamm steckt auch im deutschen „platt“. Die Geschichte des nur fünf Hektar großen Eilands schwankte schon immer zwischen Fröhlichkeit, Folterkerkern und Blutgerichten. Aus byzantinischer Zeit sind noch vier Gefängniszellen erhalten, unter den osmanischen Sultanen diente Yassiada weiter als Strafinsel.

Lustiger wurde es erst wieder, als 1857 der britische Gesandte bei der Hohen Pforte, Henry Bulwer, die Insel kaufte, um sich dort ungestört mit seinen meist griechischen Geliebten aus Istanbul vergnügen zu können. Als Liebesnest erbaute er ein Schlösschen. Sein Turm steht noch und bildet den lebenslustigen Kontrapunkt zu den düsteren Gerichts- und Gefängnisgebäuden der Menderes-Prozesse. Als Bulwer zu alt für rege Liebespiele geworden war, verkaufte er das Inselchen an den türkischen Vizekönig von Ägypten, Ismail Pascha. Der kümmerte sich aber nicht um Yassiada. Ein Istanbuler Pfadfinderroman aus den 1920er Jahren, „Abenteuer auf den Prinzeninseln“, beweist, dass das Eiland in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ein beliebter Tummelplatz für die Jugend mit Geländespielen, Zeltlagern und „Seeschlachten“ der Meer-Pfadfinder war.

1947 übernahm die türkische Marine die Insel. Ihre Installationen dienten dann für die Durchführung der Schauprozesse von 1960/61. Darauf blieb Yassiada lang verrufen. Auch die Fakultät für Wasserwirtschaft der Universität Istanbul, die dort 1993 eine Forschungsstelle einrichtete, verließ es bald wieder. Erst die Heroisierung der 1961 Hingerichteten in der Erdogan-Ära und besonders die Erklärung der „Galgeninsel“ zu einem „Museum der Demokratie und Freiheit“ brachte sie wieder in besseren Ruf. Bald stellten sich die Wassersportler ein und wurden Pläne zur Nutzung für den Fremdenverkehr geschmiedet. Doch mit der nun wieder drohenden Todesstrafe gewinnen Erinnerungen an die weniger erfreuliche Vergangenheit von Yassiada die Oberhand.

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