Πέμπτη, 23 Μαρτίου 2017

Schlupfloch für verbotene türkische Filme „Documentarist“ würdigt Kurden, Demonstranten und Armenier








Von Heinz Gstrein

Istanbuls Kulturszene wartet in diesem Juni mit einer richtigen
Sensation auf: Das 10. Internationale Dokumentarfilmfestival zeigt
erstmals bisher in der Türkei ganz verbotene oder fast zur
Unkenntlichkeit zensurierte Streifen. Die offizielle Türkei leugnet
beharrlich historische und frische Untaten vom Genozid an den
Armeniern vor rund 100 Jahren bis zur brutalen Polizeigewalt gegen die
grün-alternativen Demonstranten vom Istanbuler Gezi-Park im Sommer
2013. Obwohl in Fülle Bild- und Tondokumente von diesen und anderen
obrigkeitlichen Verbrechen vorliegen und auch filmisch verwertet sind,
durften sie bisher am Bosporus nie öffentlich gezeigt werden. Auch bei
den Istanbuler Spielfilm-Festivals der letzten Jahre verhinderte die
staatliche Zensur systematisch, oft erst im letzten Moment ihre
Aufführung.

Beharrlich suchten aber türkische Filmschaffende und –freunde,
Zeitgeschichtler oder Menschenrechtsaktivistinnen nach dem Ausweg. Sie
fanden ihn in einer Gesetzeslücke, von der die öffentliche Aufführung
verbotener Werke zu „Dokumentationszwecken“ gestattet wird. Kurz
entschlossen richtete das diesjährige Dokumentarfilmfestival
„Documentarist“ eine Sachkategorie „Zensur am Werk“ ein. Zunächst
ließen sich dort nicht weniger als 22 bisher verbotene Filme ansetzen.
Nach diversen Drohungen und Einschüchterungen wurde aber im Endeffekt
nur die Aufführung von fünfen gewagt.

Immerhin erlebt so diese Woche in Istanbuls „Kulturviertel“ Beyoglu
das historische Ses-Tiyatrosu (Theater der Stimme) aus dem Jahr 1885
einen neuen Höhepunkt seiner ruhmreichen Geschichte. Das Publikum
drängt sich nur so, um bisher verschlossene Blicke ins Lagerleben der
aufständischen Kurden vom PKK zu werfen.  Das macht jetzt der vom
diesjährigen Istanbuler Spielfilmfestival noch ausgeschlossene
Streifen „Kuzey“ (Der Norden) mit dem gleichbedeutenden kurdischen
Titel „Bakur“ möglich.

Mit seinem zweiten Beitrag „38“ hat Regisseur Cayan Demirel überhaupt
neun Jahre warten müssen, bis er nun gezeigt werden darf. In ihm
kommen letzte Überlebende der großen Kurdenerhebung von 1937/38 gegen
Atatürk zu Wort. Bei ihrer Niederwerfung wurden zehntausende Menschen
getötet oder zwangsumgesiedelt.

Mit den Auseinandersetzungen vor vier Jahren von Polizisten des
Erdogan-Regimes und Protestierern gegen eine Verbauung des Istanbuler
Gezi-Parks beschäftigt sich Regisseurin Reyan Tuvi in „Yeryüzü
Askin...“ (Liebe kann die Welt verwandeln). Ihre erschütternden Bilder
vom regelrechten „Tränenvergasen“ junger Menschen kommen erstmals an
die Öffentlichkeit. Sie lösen im Saal des „Ses“ spontane Proteste aus.

Der Film „Berivan“ (Hirtenmädchen) vom Massaker zum kurdischen
Nevruz-Neujahr im März 1992 in Cizre am Tigris ist ein Beispiel für
die Doppelzüngigkeit von Ankaras Propaganda. Das Werk des Regisseurs
Aydin Orak wurde 2011 als offizieller türkischer Beitrag nach Cannes
geschickt, blieb aber im Land selbst bis heute verboten.

Am aktuellsten zum Gedenken an die Armeniermorde 1915-18 natürlich der
Film „Köpeklerden Nefret Ederim“ (Ich hasse Hunde). In ihm erinnert
sich ein uralter armenischer Christ an die Schrecken seiner Kindheit.
Das schon 2005, es dauerte zwölf geschlagene Jahre, bis das
erschütternde Dokument in die Türkei kommen konnte. Es durfte aber nur
in einer einzigen Vorstellung gezeigt werden...

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