Δευτέρα, 6 Μαρτίου 2017

„Reiss“: Verräterischer Filmheld Erdogan Ein Propagandastreifen mit klarer Aussage gegen Europa





Von Heinz Gstrein

Deutschland, die Niederlande und grundsätzlich auch Österreich erteilen jedem Wahlkampf auf ihrem Boden in Richtung Volksabstimmung am 16. April für Umwandlung der Türkei zum Ein-Mann-Staat klare Absagen. Bereits angekündigte und sogar eingetroffene türkische Minister mussten darauf verzichten, ihre Landsleute bzw. Doppelstaatsbürger an Rhein, Donau und Elbe für ein „Ja“ dazu aufzuwiegeln, dass Präsident Reccep Tayyip Erdogan mit nahezu unumschränkter Gewalt ausgestattet wird. Doch inzwischen ist Erdogan selbst zu uns gekommen: Auf der Kinoleinwand.

Es gilt nachzudenken, ob die Vorführung des Propagandaschinkens „Reiss“ genau so wenig zulässig ist wie die verbotenen Wahlreden. Jedenfalls scheint es aber gut, dass dieser Film so auch einem kritischeren Publikum zugänglich wird, als es ihn in der Türkei schon bejubelt. Denn er gibt wertvollen, geradezu entlarvenden Einblick in das, was Erdogan wirklich will und wo er steht. Seine Aussage ist verbindlich, da der Streifen – wenn schon nicht im Auftrag - so dpch klar mit Billigung des Machthabers von Ankara gedreht und gestaltet wurde.

Verräterisch klingt schon der Titel „Reiss“ anstelle des türkischen Baskan (Präsident). Reiss ist ein alter osmanischer Ausdruck. Er bezeichnet in allen Bereichen den Höchsten, sei es den völkischen „Führer“, einen Kapitän zur See oder den Oberkellner im Speisesaal. Besonders wird darunter ein gottgesandter Retter für sein Volk und dessen Glauben verstanden. Genau so versteht sich Erdogan.


Sein Film zeigt ihn schon von Kindesbeinen als einen Berufenen, der gegen die von Atatürk europäisierte Ordnung für die Rückkehr zum Islam und damit für ein Wiedererstehen alter osmanischer Größe kämpft: Als Jungen, der den damals auf Arabisch verbotenen Gebetsruf anstimmt, nachdem auch der letzte erwachsene Beter von der Polizei niedergenüppelt ist. Oder als unerschrockenen Politiker mit Reislamisierungsparolen vor Gericht und im Gefängnis.

Seine Widersacher kommen vom Militär, der Justiz, den ungläubigen Intellektuellen, emanzipierten Türkinnen und überhaupt der gesamten verwestlichten städtischen Oberschicht. An der Seite des regelrecht zu Allahs neuem Propheten hochgestylten Erdogan stehen die einfachen Bauern, Handwerker, Händler und bekopftuchte Hausfrauen.

Erdogans Fixiertheit auf ein Zurück zu Osmanentum und Islam verfehlt jedoch jede innere Erneuerung, verliert sich in äußerliche Restauration. Bezeichnend dafür seine liebevolle Wiederinstandsetzung von Baudenkmälern aus der Sultanszeit. Als er aber 2013 den Istanbuler Gezipark mit Aufrichtung der einstigen osmanischen Kaserne zubauen will, kommt sein Traum mit der Wirklichkeit in Konflikt. Atatürk lässt sich dort nicht mehr ungeschehen machen, wo er echte Fortschritte gebracht hat: In Sachen Umwelt, Bildungsrevolution und Frauenbefreiung.

Seitdem kämpft Erdogan verbissen mit wachsenden Misserfolgen. In der Türkei kann er seine Ziele vom Kopftuch bis zum Regierungsstil eines Sultans nur mehr mit wachsender Unterdrückung anpeilen. In Syrien und dem Irak liegt seine Politik einer Rückgewinnung von Mossul und anderer alt-osmanjscher Gebiete in Scherben. Der in seiner Ideologie von Anfang an vorprogrammierte Konflikt mit Europa eilt einem Höhepunkt zu.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich einer als gottgesandter Politiker berufen fühlte, heroisch denken wollte, um sein Volk zu retten. Der jungendliche Erdogan im „Reiss“ erinnert an den jungen Hitler in Wien, der noch nicht unsympathisch war. Was aber später daraus geworden...

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