Τρίτη, 21 Φεβρουαρίου 2017

Geld, Macht und Anti-Ökumene in Georgien Kirchenpolitische Hintergründe des „Anschlags“ auf Patriarch Ilia II.




Von Heinz Gstrein

Der orthodoxe Patriarch von Georgien Ilia II. ist Montag Abend nach einer erfolgreichen Gallenoperation aus Deutschland in die Heimat zurückgekehrt. Seine Behandlung im Helios-Klinikum Berlin-Buch hatten Meldungen über einen dort angeblich auf ihn geplanten Giftanschlag überschattet. Nun erwarten den Oberhirten von 3,2 Millionen orthodoxen Georgiern daheim aber erst die wahren Probleme: Das Zyankali-Gerücht war nur die Spitze eines Eisberges, der während der Abwesenheit des Patriarchen in den georgischen Printmedien und stundenlangen Fernsehberichten erkennbar geworden ist: Die berüchtigte „Grusinische“ Maffia dürfte nämlich nicht nur den Ost- und Gemüsehandel der ganzen ehemaligen Sowjetunion und das mittlere Finanzwesen kontrollieren wie z.B. die Adler- und Orenburg-Bank. Sie hat sich sichtlich auch in den Finanz- und Wirtschaftsstrukturen der Georgischen Orthodoxen Kirche eingenistet.

Dazu kommt ein immer heftiger innerkirchlicher Macht- und Richtungskampf zwischen antiökumenischen Scharfmachern und dem offeneren Patriarchenflügel. Die Ultra-Orthodoxen segeln auf dem Kurs des Moskauer Patriarchats gegen den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., dessen konziliare Bemühungen und den Dialog mit anderen Christen, besonders den mit der katholischen Kirche. Aus Rücksicht auf sie hat Georgiens Orthodoxie schon 1997 den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) verlassen. Beim Besuch von Papst Franziskus in Tbilissi im vergangenen Herbst musste sich Ilia II. größte Zurückhaltung auferlegen. Er begleitete den Heiligen Vater nicht einmal ins Stadium der georgischen Hauptstadt, wo dieser vor praktisch leeren Rängen auftrat. Dennoch ist es dem Moskauer Patriarchat und damit dem Kreml ein Dorn im Auge, dass der einstige Schewardnaze-Intimus Ilia jetzt wieder Anschluss an die Weltorthodoxie sucht, von der sich Russen, Bulgaren, antiochenische Rum-Orthodoxe und eben auch die Georgier durch ihre Ablehnung des Konzils von Kreta im Juni 2016 isoliert haben. In der georgischen Presse sind sogar Vorwürfe aufgetaucht, Vladimir Putin stehe persönlich hinter dem versuchten Zyankalimord an dem 84jährigen Patriarchen. Es fehlt nicht an Anspielungen auf frühere derartige Gifteinsätze russischer Agenten wie 2004 die Dioxinsuppe für den späteren ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko oder zwei Jahre später den in London verstrahlten Putin-Kritiker Aleander Litwinenko. Kein Wunder, dass der auf Distanz zu Russland stehende georgische Regierungschef Georgi Kwirikaschwili persönlich zum Krankenhaus in Pankow eilte, um sich von Wohlergehen des Patriarchen und seiner Sicherheit zu überzeugen. Schließlich ist der schon seit 1977 Amtierende aus altem georgischen Fürstenhaus für seine Gläubigen und die meisten Georgier überhaupt der einzige allgemein angesehene und unbestechliche Garant der religiösen, aber auch staatlichen Ordnung am Kaukasus. Dabei gab der frisch operierte Ilia II. sichtlich angegriffen, mit leiser doch fester Stimme in freier Rede eine Erklärung ab, in der er die ganze Anschlagsaffäre herabzuspielen suchte. Diese Aufnahme läuft noch immer in allen georgischen Fernsehnachrichten.
Der ganze Fall kam ins Rollen, als am 12. Februar am Flughafen Tbilissi Diakon Giorgi Mamaladze mit Zyankali im Koffer festgenommen wurde. Er war auf einen Flug nach Berlin gebucht. Der Kleriker ist trotz seines niedrigen geistlichen Ranges eine Schlüsselfigur in der kirchlichen Finanzverwaltung, ihren Wirtschaftsbetrieben von Fabriken und Läden für Kirchengerät, Ikonen und liturgische Gewänder bis zur Abfüllung und dem Versand von Mineralwasser aus Klosterquellen. Daraus werden auch caritative Leistungen finnaziert. So die Lazarus-Ausspeisung von Hungernden oder der kirchliche Gesundheitsdienstleister St. Joakim und Anna. Daran besteht in Georgien besonderer Bedarf, da nach der Wende das staatliche Krankenkassensystem zusammengebrochen ist. Für viele Familien bedeutet ein Krankenhausaufenthalt oder auch eine längere ambulante Therapie den Verlauf ihres letzten Mobiliars aus besseren Zeiten. Doch sind neuerdings immer massivere Vorwürfe gegen Diakon Mamaladze und seinen Stab aufgetaucht, dass sie sich am Kirchengeld- und Gut bereicherten, mit losen Frauen einließen, Gelage und Orgien veranstalteten. Diese Damen werden jetzt gerade im georgischen Privatfernsehen genüsslich vorgeführt.
Unterdessen beteuert im mit EU-Mitteln erbauten Sicherheitsgefängnis von Tbilissi inhaftierte Mamaladze weiter seine Unschuld und verlangt Polizeischutz für seine Familie. Diese werde von Maffiosi an Leib und Leben bedroht. Am Montag wurde der Diakon mit Herzbeschwerden unter Bewachung in eine Klinik verlegt.
Sowohl der rigorose wie fortschrittlich-ökumenische Flügel unter den 46 Mitgliedern der orthodoxen Bischofskonferenz Georgiens fordern jetzt eine Sondersitzung, sobald Ilia II. wieder einigermaßen bei Kräften ist. Die letzte Session fand im Herbst 2016 statt und mündete in  unüberbrückbare Gegensätze. Der einflussreiche Metropolit von Stalins Heimatstadt Gori, Andrea Gvazava, fordert, dass alles aufgeklärt und das Vertrauen in die Kirche und ihre Diener gründlich und so schnell wie möglich wiederhergestellt werden müsse. Noch aus Berlin schickte schließlich der Patriarchenvertraute Abtbischof Iakobi Iakobaschwili vom Kloster der hl. Nino die Versicherung voraus: „Sind wir erst wieder in Tbilissi, wird sich mit Gottes Hilfe alles aufklären!“


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