Κυριακή, 22 Ιανουαρίου 2017

„Das Vierte Gebot“ ist das bekannteste Werk des österreichischen Bühnenautors Ludwig Anzengruber (1839 bis 1889).






von Rosanna Gstrein

Er hat das Altwiener Volksstück mit Gesang, wie es von einem Ferdinand Raimund und Johann Nestroy gepflegt wurde, auf den Bühnen Europas zur Geltung gebracht. In der ungeschminkten Wahl seiner Charaktere bis hin zu Kriminellen und Asozialen sowie ihrer oft geradezu anstößigen Ausdrucksweise erinnert Anzengruber an die Dichtung des „Sturm und Drang“, weist aber auch auf den mit ihm beginnenden Naturalismus hin.

Das Stück greift ebenso drastisch wie eindringlich die Frage der Gehorsamspflicht auf: Den Eltern gegenüber (Viertes Gebot), angesichts der Gebote der Kirche und der staatlichen Autorität bis hin zum militärischen „Kadavergehorsam“. Eine blinde Gehorsamspflicht der Kinder, Gläubigen und Untergebenen wird von Anzengruber verneint, für seine Zeit durchaus revolutionär.

FABEL (Handlung)

Der Vorhang öffnet sich zum typisch altösterreichisch-großbürgerlichen Milieu eines Hausherrn. So viel Borniertheit können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen – ich kenne das aber noch aus den Erzählungen von meiner Urgroßmutter, die eine solche „Hausherrin“ war: Der Hausherr Hutterer zwingt seine Tochter Hedwig zur Ehe mit dem zwar reichen, aber charakterlosen „Lebemann“ Stolzenthaler. Er will damit einer Verbindung mit dem armen Klavierlehrer Frey zuvorkommen, den Hedwig liebt. Er wird daher hinausgeworfen. Hutterers unterwürfiges Domestikenpaar Schön, einschließlich ihres Priestersohnes Eduard, befürworten diese Zwangsehe und begründen das mit dem vierten Gebot. Dieses fordere blinden Gehorsam der Kinder ihren Eltern gegenüber.

Die Verwandlung zur 10. Szene des Ersten Akts führt ins Nachbarhaus in die Welt von Handwerkern, die sich schon im Prozess der Proletarisierung befinden: Vater Schalanter, einst gediegener Handwerksmeister, ist zum Trinker geworden, die Mutter eine Kupplerin. Ihren Kindern, der Tochter Josepha, die ein Verhältnis mit Stolzenthaler hatte, und dem Sohn Martin, der als Soldat einrücken muss, wurde von den Eltern nur schlechtes Beispiel gegeben. Herwig, die Großmutter, versucht dem vergebens entgegen zu wirken.

Ein Jahr ist vergangen, Hedwig Ehe ist ein Martyrium, sie hat ein sterbenskrankes Kind zur Welt gebracht. Frey, der entlassene Klavierlehrer, ist inzwischen beim Militär Ausbildner des undiszilinierten Martin Schalanter und „schleift“ ihn richtig. Als Frey Hedwig zufällig auf der Straße begegnet, bittet er sie um eine Aussprache. Sie werden dabei von Martin Schalanter und dessen Vater belauscht. Martin will sich an Frey rächen und hinterbringt das Stolzenthaler. Dieser hält sich von Hedwig betrogen und er verstößt sie.

Frey wartet im vereinbarten Gasthaus. Die Familie Schalanter tritt auf und setzt sich zu ihm an den Tisch. Im folgenden Streit schießt Martin auf Robert Frey. Hedwig kommt dazu und erlebt seinen Tod. Martin Schalanter wird verhaftet und zum Tod verurteilt.

Hedwig ist von Stolzenthaler geschieden, ihr Kind gestorben und sie selbst steht vor dem Tod.  Ihr Vater erkennt endlich seine Schuld. Nur Priester Eduard verweist Hedwig auf Gottes Prüfungen. Doch sie entgegnet: Was ist das für ein Gott, der mit uns Menschen experimentiert?“

In der Todeszelle will Martin Schalanter nur Eduard, der Priester geworden ist, empfangen, nicht aber seine Eltern. Da besucht ihn überraschend kurz vor der Hinrichtung noch seine Großmutter. Der Priester ist Zeuge dieser Begegnung: Martin erkennt, dass die Großmutter mit ihrem Urteil über die Eltern recht gehabt hat. Der Priester verweist aber nochmals aufs Vierte Gebot.  Doch Martin weist ihn zurecht: Wenn du in der Schul' den Kindern lernst: Ehret Vater und Mutter', so sag's auch von der Kanzel den Eltern, daß s' danach sein sollen.“

PRODUKTIONSPOETIK

Zeitgeschichtlicher Hintergrund:

Zeit politischer (Sozialismus, Liberalismus), staatlicher (Österreich getrennt vom „Reich“, Doppelmonarchie mit Ungarn) und gesellschaftlicher (Arbeiterschaft) Umbrüche.

Biographische Gegebenheiten:

Mit dem „Vierten Gebot“ endet für Anzengruber das Jahrzehnt seiner Erfolgsstücke, das 1870 mit dem „Pfarrer von Kirchfeld“ begonnen hatte. Von einem Werk zum anderen wagte er sich an heiklere Themen heran, geriet mit Obrigkeit und Kirche in Konflikt. „Das Vierte Gebot“ wäre von der Zensur beinahe ganz verboten worden. Damit stellten sich auch finanzielle Probleme ein.

Anzengrubers 1873 mit einer Sechzehnjährigen geschlossene Ehe befand sich in diesen Jahren ebenfalls in einer Krise. Einiges davon dürfte in „Das Vierte Gebot“ eingeflossen sein.



WERKPOETIK

Anzengruber, der wie Raimund und Nestroy selbst Schauspieler war, ist ein Meister der Bühne, der Charaktere wie der Szenenfolge (Vier Akte mit insgesamt 40 Szenen). Er baut aus Gegensatzpaaren (Hedwig und Frey zu Ehepaar Hutterer, Pfarrer Eduard zu Stolzenthaler, alte zu jungen Schalanters) eine fesselnde Handlung auf. Bei der Zeichnung seiner Bühnencharaktere erweist sich Anzengruber als hervorragender Psychologe. So wurde das „Vierte Gebot“ von Sigmund Freud als „psychologisches Meisterwerk“ geschätzt, Anzengruber nannte der Begründer der Psychoanalyse „einen unserer besten Dichter“.

Der Dramatiker war, weit mehr als Nestroy oder der noch ganz romantische Ferdinand Raimund, ein Sozialkritiker ersten Ranges. Seine Zeit ist auch nicht mehr die von Vormärz und Neoabsolutismus, sondern der beginnenden Sozialrevolution. Über die klerikalen Christlich-Sozialen macht sich Anzengruber lustig („christlicher Geselle“ von Schalanter), er vertritt klar sozialistische Ansichten. So lässt er den Klavierlehrer Frey über seinen Rivalen Stolzenthaler mit der typisch marxistischen Charakterisierung eines Ausbeuters sagen: „ Der Junge aber rührt keine Hand, und läßt andere für sich arbeiten, er hat sich nur die Aufgabe gestellt, das Leben zu genießen.“

Anzengrubers Antiklerikalismus ist nicht grundsätzlich, er gibt dem Priester Eduard auch sympathische Züge bei all seiner Seminaristenbeschränktheit: „Gehorchen und alles Gott anhiemstellen“. Die anderen Personen weisen ihn wiederholt drauf hin, was er als guter Priester zu tun und zu sagen hätte. Wie schon bei den „Kreuzlschreibern“ zeigen sich so auch im „Vierten Gebot“ die Sympathien des Autors für die zu seiner Zeit entstandenen Altkatholiken. Diese versuchten, die römische Kirche durch Rückkehr zum Altchristentum, aber auch mit modernem Denken zu erneuern.

Den guten Dichter machen aber letztlich weder Psychologie noch sozialkritisches Anliegen, sondern seine Sprache aus. Es wäre leichtfertig, Anzengruber so einfach als Mundartdichter abzutun. Schreiben im Dialekt ist aber in Wirklichkeit viel schwieriger als in der Hochsprache, da es die Dialekte der verschiedenen Milieus zu berücksichtigen gilt. Anzengruber hat seinen Bühnenheldinnen und –helden jedenfalls „richtig aufs Maul geschaut“ wie schon ein Martin Luther gefordert hatte: Die Hausherren und anderen Großbürger sprechen ein fein tuendes, dem Adeligen-Wienerisch nachgeahmtes Idiom, die Handwerker und der Emporkömmling Stolzenthaler nehmen sich bei ihrem vulgären Ton kein Blattl vor den Mund, die Gendarmen kommandieren amtsdeutsch und Pfarrer Eduard säuselt im Pfaffenjargon.



REZEPTIONSPOETIK

Die Uraufführung von „Das Vierte Gebot“ am 29. Dezember 1878 wurde fürs Theater in der Josefstadt ein Misserfolg. Ähnlich wie Anzengrubers „Der Pfarrer von Kirchfeld“ von 1870 und „Die Kreuzelschreiber“ 1872 zielte auch dieses Volksstück auf ein zunehmend freisinniges, klerus- und autoritätskritisches Publikum ab. Der obrigkeitlichen Theaterzensur war diese Tendenz ein Dorn im Auge. Sie beschnitt die Pointen der Dialoge so drastisch, dass ein matter, kraft- und saftloser Text übrig blieb. Die großen Erwartungen der Premierenbesucher in „ihren“ Anzengruber wurden daher enttäuscht.

Dieser hat dann die erste unzensurierte Aufführung 1890 in Berlin gerade nicht mehr erlebt. Aus Deutschland kehrte das Stück nun erfolgreich nach Österreich zurück, die letzten Eingriffe der Zensur wurden aber erst 1898 beseitigt. Seitdem zählt „Das Vierte Gebot“ zum festen Repertoire der Sprechtheater und Volksbühnen im gesamten deutschen Sprachraum. Die Aufführung von 1942 am Schauspielhaus Zürich unter der Regie des aus Hitlerdeutschland vertriebenen Wieners Leopold Lemberger – er nannte sich in der Schweiz Lindtberg – wurde zu einer Manifestation gegen den autoritätsgläubigen Ungeist des Nationalsozialismus. Weitere bedeutende Neuaufnahmen gab es 1952 und 1970 am Volkstheater Wien sowie 2005 in der für die seinerzeitige Uraufführung verhängnisvollen Josefstadt. Dabei spielte Elfriede Ott die Rolle der als Idealgestalt richtungweisenden Großmutter Herwig.

Verfilmungen von „Das Vierte Gebot“ stammen aus den Jahren 1912, 1914, 1920, 1950 und zuletzt 1965 durch den ORF zum 75. Todestag von Ludwig Anzengruber. Unerreicht bleibt der Kinofilm von 1950 in der Starbesetzung mit Attila Hörbiger, Alma Seidler, Fritz Imhoff, Annie Rosar und Erich Auer, in der Regie von Eduard von Borsody.

Wie Anzengrubers meiste Theaterstücke wurde „Das vierte Gebot“ auch als Roman bearbeitet.

1931 nahm die österreichische Post Ludwig Anzengruber in den Satz von Sondermarken auf, die sie den bedeutendsten Dichtern unseres Landes widmete: Zusammen mit Ferdinand Raimund, Franz Grillparzer, Johann Nestroy, Adalbert Stifter und Peter Rosegger auf den Werten von 10g bis zu 1 Schilling wurde er mit der 50g-Marke gewürdigt. Rosegger hatte „Das vierte Gebot“ 1890 im Grazer Parktheater gesehen und es als „herrliches und sittlich erziehendes Volksdrama“ gelobt. Dann dauerte es bis zu Anzengrubers 150. Geburtstag und 100. Todesjahr 1989, ehe wieder eine Sondermarke im Nennwert von 4 Schilling herausgebracht wurde.

Seitdem gerät der Vollender des Alt-Wiener Volkstheaters und erste große naturalistische Autor deutscher Sprache leider mehr und mehr in Vergessenheit. Zwar erinnern noch immer in Wien, Berlin, Hamburg, Passau, Linz, Innsbruck, Klagenfurt und sogar Amstetten Anzengruberstraßen an ihn. In der Wiener Schleifmühlgasse gib es ein Cafe Anzengruber, im 14. Bezirk eine gleichnamige Pension. Dazu kommen zwei Anzengrubergassen in Graz und Wien-Margarethen. Dort wohnen auch wir. Aber die meisten Leute, die uns besuchen oder schreiben wollen, müssen sich diesen für sie völlig fremden Namen buchstabieren lassen.

Dabei hätte das „Vierte Gebot“, in dessen Mittelpunkt eine Zwangsverheiratung steht, gerade heute wieder aktuelle Beachtung verdient. Zwangsehen sind in unserer Mitte keine ferne Erinnerung an eine überwundene patriarchale aristokratisch-bürgerlich-großbäuerische Gesellschaft mehr. In den Parallelgesellschaften muslimischer oder einfach nur südeuropäischer Migranten werden sie erneut zur Realität und frauenverachtenden sozialen Wunde.

Umso mehr freut es mich, dass meine Deutsch-Professorin Ludwig Anzengruber noch kennt und schätzt, und dass ich dieses Referat über sein bekanntestes Stück „Das Vierte Gebot“ halten durfte.

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